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Samstag, 2. Oktober 2010

Lauschen auf das Rauschen

Herzdurchblick
Der Counter steht bei nine-one-one. Ich bin auf dem Sprung von den Bergen bis ans Meer und nachdenklich geworden. Woran erkennt man ein echtes Gefühl? Mir kam in den letzten anderthalb Jahren einiges unter, das sich gut oder wenigstens mittelgut angefühlt hat, aber in Zeit und Nähe taugte nichts davon. So habe ich begonnen, mir selbst gegenüber misstrauisch zu werden und vielleicht auch Spielchen zu spielen. Ich habe viel zu oft Platzangst bekommen und mich in die Idee der Freiheit verknallt. Ich habe dabei nur leider übersehen, dass sie so leer und ausgehöhlt, wie ich sie manchmal verstanden habe, gar keinen Wert besitzt. Freiheit bedeutet nicht nur gegen etwas zu sein, ist nicht nur Freiheit von, ist nicht nur reine Anti-Haltung: Anti-Beziehung, Anti-Gebundenheit, Anti-Verbindlichkeit, Anti-Verantwortung, Anti-Einschränkung. Freiheit ist ihrem Wesen gemäß positiv bestimmt, sie ist Freiheit zu. Intellektuell hatte ich das bereits an anderer Stelle erwogen und betastet, aber emotional schien die positive Freiheit nicht bei mir angekommen zu sein. Aber allmählich spüre ich sie. Ich habe endlich alten Balast abgeworfen, ein Kreuzfahrtschiff aus Papier mit einem Mann über Bord. Sie legt sich wie Seewind auf meine Haut. Sie verwandelt das ewige Anti in wahre Unabhängigkeit, aufrichtige Gelassenheit, Glück im Alleinsein und Zufriedenheit mit mir selbst. Das ist wohl das, was Kitti einst meinte, als sie zu mir sagte, man bekomme erst ein Profil, wenn man eine Weile mit sich alleine gewesen sei und nur mit Profil verliebten sich die Menschen in einen als Menschen.

Ick bin ja ooch mit mir hier singt Icke von Icke&Er.

Und das echte Gefühl? Ganz selten habe ich es leise Klicken gehört. Ich will lieber keine Zahl nennen. Wegen des profunden Misstrauens mir selbst gegenüber habe ich immer versucht, es zu ignorieren, bis es dann irgendwann aus mir hervorbrach, meistens in Briefen, manchmal in Blicken. Für's Vergessen sind große Anstrengungen nötig. 

Ein leises Klicken? Die Liebe überfällt uns ab einem bestimmten Alter, mit einer bestimmten Abgeklärtheit und mit einem gewissen Maß an Erfahrung nicht mehr mit der Wucht einer Blaskapelle, wie es bei der großen Jugendliebe der Fall war. Die haben wir übrigens alle mit der großen Liebe an sich verwechselt und außerdem haben wir ihr viel zu lange nachgetrauert. Stattdessen ist es dieses leise Klicken, für das es  eine gewisse Vertrautheit braucht, das dann aber etwas sehr Plötzliches an sich hat, das alles mit einem Mal ganz einfach werden, das uns die Welt mit neuen Augen und mit der Aussicht auf andere Ufer sehen lässt.

Aber treten wir einen Schritt zurück von meiner Mikro-Frosch-Perspektive und lassen wir andere moderne Wortverdichter etwas über die Liebe sagen. Geliebte und verfluchte Metaebene…
Funny van Dannen singt:
Die Liebe ist ein Schmetterling auf der Autobahn,
sie macht die Augen zu und das Fernlicht an.

Dota Kehr singt:
Die Liebe ist ein kleines Tier,
vielleicht läuft es eines Tages fort.
Man fragt im Tierheim:
"Ham Sie noch so eins?"
Und dann ist keins dort.

Manchmal ist die Liebe für sie auch: …drei Worte im Sinn.

Die Ohrbooten singen: 
Denn es gibt so viele Gefühle für Liebe,
wenn ick dit Leben mit dir spiele, spüre ick Familie.
Da sind so viele gemeinsame Ziele
und deine sweete Brise gibt mir diese Perspektive.
Einige wählen aus Feigheit die Freiheit, anderen fehlt zur Freiheit der Mut. Freiheit ist aber nur dann Unabhängigkeit, wenn man in sich und nicht im anderen nach sich selbst sucht. Wenn du mich liebst, bleib bei dir singt Tom Liwa. Wir werden ohnehin nie fertig, wir finden keine große, letzte Antwort, wir sind immer auf der Suche. Wir müssen beginnen, die Fragen selbst liebzuhaben, so wie Rilke es fordert.

Aber kehren wir von der Freiheit zur Ausgangsfrage zurück: 
Woran erkennt man ein echtes Gefühl? 
Eine vage, kleine, flüchtige Antwort darauf ist neulich kurz in mir aufgeflackert. Es ist  ein echtes Gefühl, wenn zwei ehrliche Sätze einem in einem Wust von Worten sofort die Tränen in die Augen schießen lassen – das erste Mal seit langem. Es ist ein echtes Gefühl, wenn sich die Wahl hartnäckig jeder Logik, allen guten Argumenten und allen gemachten Erfahrungen widersetzt. Es ist ein echtes Gefühl, wenn man den einen Menschen nicht trotz sondern gerade wegen der Eigenschaften mag, von denen man weiß, dass man sie eigentlich nicht ausstehen kann. Es ist ein echtes Gefühl, wenn es auch die Verdrängungsanstrengungen überlebt und nicht so schnell vorbei ist, wie man ein Ein-Mann-Zelt abbauen kann. Ich hatte wirklich geglaubt, dass Schweigen heilsam sein kann, wenn man bei sich selbst klar Schiff gemacht hat. Aber die nicht gelebte Liebe lässt sich nicht wegschweigen, nicht vergessen, nicht verdrängen. Sie blitzt hier und da in kleinen Sequenzen wieder auf, reißt ein Loch in den Schleier des Schweigens, reißt ein Loch in die Freiheit und wirft uns ganz und gar aus der Bahn. Die Gedanken an die nicht gelebte Liebe begleiteten uns ein Leben lang. So lang ist meines noch nicht, aber ich bin mir das eine Mal ganz sicher, mit dieser Erkenntnis der Wahrheit sehr, sehr nahe zu sein.

So weit die auf mich eingestürzte Antwort. Ob ich sie bereits leben kann ist eine andere Frage. Platzangst, Neugier und Rastlosigkeit sind mir nach wie vor treue, sind mir mehr und weniger lieber Begleiter. Dennoch noch eine Nachfrage: Man gibt sich so große Mühe, genau in sich hineinzuhorchen und teilt dem Gegenüber das Erlauschte mit großer Ehrlichkeit mit. Bei all der Mühe, die diese Ehrlichkeit zu kosten scheint, vergisst man manchmal, die erspürten, in sich selbst vorgefundenen Positionen zu hinterfragen. Ab einem gewissen Alter will man die Grundpfeiler seiner gewählten Lebensform nicht mehr hinterfragen. Aber ich fürchte um den Moment, wenn das Leben fast vorbei ist. Nur die nicht getanen Dinge, werden wir bereuen. Was hingegen getan wurde, mag es uns Schmerzen oder bittere Erfahrung gekostet haben, uns schöne Augenblicke oder wertvolle Mensch geschenkt haben, ist gelebtes Leben. Denn daraus besteht das Leben. Mit dem Nichts und dem Mangel ist es eine schwierige Kiste. Dieses Nachdenken über Liebe ist nicht der richtige Ort dafür.

Mit Brecht hat es begonnen. Wäre nicht Brecht gewesen, wäre vielleicht nichts geschehen. Brecht hatte mich am Haken. Darum will ich es mit Brecht enden lassen. Vielleicht auch nur für heute. Vorweg muss ich aber sagen, dass es nur ein Pseudo-Brecht ist. Diese Zitat wird ihm fälschlicherweise zugeschrieben, aber das ist egal. Hätte er es gesagt, hätte er es gewiss auch vorrangig politisch und weniger lebensweltlich gemeint. Nu is' er aber tot und een Deutschlehrer is' ooch nich' anwesend, also lesen wa ihn wie wa wolln! sacht die Berliner Jöre in  mir, schließt trotzig mit den Worten…

"Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."

…und für heute die Augen, denn der Appell ist viel mehr an sie selbst gerichtet als an irgendwen da draußen und mit geschlossenen Augen lässt es sich einfach besser in sich hinein lauschen auf das Rauschen, das die Meeresstille des Seele macht, wenn man wahrhaft frei und glücklich ist.





Ein Nachsatz, inspiriert von girlrunningwild. [2010-10-03 15:55]

Lassen wir noch Sartre zu Wort kommen.
„Er [der Liebende] will von einer Freiheit geliebt werden und verlangt, daß diese Freiheit als Freiheit nicht mehr frei sei, […] daß diese Freiheit durch sich selbst gefangengenommen wird, daß sie sich, wie im Wahn, wie im Traum auf sich selbst zurückwendet und  ihre eigene Gefangenschaft will. Und diese Gefangenschaft soll freie und zugleich an unsere Hände gekettete Abdankung sein.“
[Das Sein und das Nichts 435]
Es ist ein echtes Gefühl, wenn man sich freiwillig, ja sogar gerne um die eigene Freiheit berauben lässt. Wenn wir mit Sartre auch wissen, dass der Versuch, Einheit zu erreichen, zum Scheitern verurteilt ist... Das Versuchen, das Anfangen, das Scheitern, das Aufrappeln, das Wollen und Sehnen und Verschenken – daraus, daraus, daraus ist es – süßes, goldenes, raues, frostiges, überladenes, vergeudetes, gebrauchtes, geliebtes, gelebtes Leben.

Sonntag, 5. September 2010

Ein verschwiegenes Organ oder Bewusstseinsstrom, 5 Uhr früh

Die Hände unterm Kopf gefaltet höre ich meinem eigenen Herzen beim Schlagen zu und warte auf den mich übermannenden Schlaf. Statt zu schlafen sinne ich dem Wort übermannen nach. Allzu genau sollte ich ihm nicht hinterherrennen, dem Wort, das weiß ich, sonst ist an Schlaf noch weniger zu denken. Allzu genau sollte man eigentlich überhaupt nicht immer hinspüren, hindenken, denke ich noch und fühle mich ganz müde. Immer noch lausche ich meinem Herzen und wünsche mir, man könnte ihm tatsächlich zuhören, es befragen und eine Antwort in Worten und nicht nur in Ahnungen erhalten. Obwohl es ein so deutliches Geräusch beim Arbeiten macht, ist es doch ein recht verschwiegenes Organ, denke ich. Von der Milz oder der Bauchspeicheldrüse hört man auch nichts, aber da erwartet man es auch nicht. Was hätte ich meiner Bauchspeicheldrüse schon zu sagen? Außer vielleicht "Geh bitte nicht kaputt. Gib den Geist nicht auf!" Nun hänge ich der Formulierung den Geist aufgeben nach und wundere mich, woher sie kommen mag. Wir verwenden sie doch eher für Dinge, aber Dinge haben keinen Geist. Keiner würde sagen "Meine Oma hat den Geist aufgegeben.", obwohl das viel eher stimmen könnte, als dass ein Toaster den Geist aufgibt. Aber das würden wir einfach nicht sagen. Stattdessen suchen wir höflichere Umschreibungen wie "Oma ist nicht mehr ganz da." Dabei hört sich das viel mehr danach an, als wäre Oma ein Ding. Man kann doch nicht nur halb existieren. Wie sieht so eine halbe Existenz aus? Als wäre Oma, am Maßstab der Menschheit gemessen, kaputt. Was macht es also aus, ein Mensch zu sein? Einen klaren Geist zu haben? Gefühle zu haben? Gefühle hat Oma sicher, denn sie weint oft und erzählt viel von früher. Sind die komischen Hirnforscher also doch parteiisch und eher am Denken interessiert als an dem, was wir früher mal Seele genannt haben und heute abgespeckt nur noch Emotionen nennen? Ich nenne es immer noch Seele. Auch wenn ich schief angeguckt werde dafür. Ich verdichte die Welt, ich darf noch Seele sagen, das ist ein geschützter Begriff! Ich höre dem gleichmäßigen Geräusch meines Stiftes zu, das er auf dem Papier macht. Es klingt ein bisschen wie Meeresrauschen. Gleichmäßig und gekräuselt wie ein ruhiges Meer sieht auch meine Schrift aus. Der Hals tut mir ein bisschen weh und ich weiß nicht mal, bei wem ich mich angesteckt habe. Eigentlich blödsinnig überhaupt danach zu fragen. Was spielt das für eine Rolle? Wollte ich mich darüber beschweren, angesteckt worden zu sein, ich könnte es bei jedem, der hustet, tun. Aber wofür? Um ein schlechtes Gewissen zu provozieren. Davon hat aber auch keiner was. Wie merkwürdig Menschen ticken, dass sie gerne anderen Menschen ein schlechtes Gewissen machen. Was für ein wichtiges Gefühl dieses "schlechte Gewissen" ist und doch ist es in der Aufzählung der Basisemotionen nicht enthalten und nie habe ich im Philosophiestudium jemanden davon reden hören. "Hätteste besser Psycho studiert!" ruft mir eine Stimme aus dem Off zu. Aber ich dachte, Philosophen untersuchten die Struktur der Welt. Gehört nicht ein Gefühl wie das schlechte Gewissen ebenso zur Welt wie das heiß umkämpfte Gefühl der Freiheit? Andererseits hat sicher irgendwann einmal irgendein amerikanischer Philosoph irgendeinen kleinen Aufsatz über das schlechte Gewissen geschrieben. Ich weiß nur nichts davon. Überhaupt weiß ich noch immer zu wenig, fast nichts. Könnte ja meine Magisterarbeit darüber schreiben, über das schlechte Gewissen! Darüber muss ich jetzt lachen. Der übermannende Schlaf ist ziemlich weit weg. Ich hole mir was zu trinken. Das kalte Wasser kühlt die kratzende Kehle. Ich lege mich ins Bett, stütze den Kopf in die Hand und höre wieder mein Herz. Ein verschwiegenes Organ eigentlich, denke ich und merke, dass ich am Ende angekommen bin.

Samstag, 28. August 2010

Nachdenken über Freiheit

back by popular demand: Befindlichkeitsbloggen!

Schwindel ist ein merkwürdiges Gefühl – als würde die eigene Existenz porös. Der Kopf leert sich, die Sinne streiken, die Beine geben nach, alles fühlt sich nach freiem Fall an. Obwohl 'frei' in der Regel nach etwas Positivem klingt, lässt sich am 'frei' im freien Fall nichts dergleichen finden. Es ist das negative Freisein von etwas (hier von der Schwerkraft und vielleicht auch vom Bewusstsein) – wie es auch ein Stein haben kann. Menschlich frei zu tun, was einem beliebt, ist man im Schwindel nicht. Eher noch empfindet man Furcht und wünscht sich einen doppelten Boden, der den freien Fall bremst. Freedom is just another word for 'Nothing left to loose' singt die wundervolle Janis und meint diese zufällige Freiheit. Furcht kann völlig lähmen und der Schwindel macht, trotz des freien Falls, also unfrei. Wie aber ist Freiheit, diese grundgute, urmenschliche, alles überdauernde Idee beschaffen, nach der jeder zu streben vorgibt, die kaum einer erreicht?!


Zwei Überwachungskameras an der Freiheitsstatue
Kurt Tucholsky wusste schon, dass Freiheit mit Sicherheit stirbt. Ein wirklich freier Mensch ist frei von Angst und frei zu handeln oder wenigstens frei im Willen. Zu behaupten, Willensfreiheit gebe es gar nicht, ist gerade der letzte Schrei unter Wissenschaftlern verschiedener Sparten, auch wenn ich die Herren, die sich als sich selbst konstruierende Gehirne betrachten, weder als Wissenschaftler noch als Personen ernst nehmen kann. Schwindelnde Schwindelauslöser, die die Bevölkerung verschrecken! Merkwürdige Konsequenzen für unser Menschen- und Weltbild hätten ihre Ansichten, wenn sie haltbar wären... Aber über Konsequenzen wollen radikale Konstruktivisten meistens nicht nachdenken, sie stoßen nur Drohungen aus.  Zum Glück sind Drohungen für wirklich freie Menschen wirkungslos. Schwindelig wird nur dem, der Angst hat und Angst hat, wer sicher Althergebrachtes eigenem Überlegen vorzieht. Gründliches Nachdenken kann uns trösten: Philosophie – die billigste Wissenschaft der Welt! Wer jetzt einwendet, das sei aber die Mathematik, weil ein Mathematiker nur einen Stift, Papier und einen Papierkorb brauche, hat unrecht. Philosophen brauchen nicht einmal den Papierkorb...

Genug Kalauer für heute. Das Nachdenken über Freiheit und der Kampf gegen die These, Bewusstsein sei nur ein Epiphänomen unseres Gehirns, hat begonnen. Ich weiß noch nicht, was ich unterwegs finden werde: Gott, eine Seele, wahre Freiheit, neue Musik, die Liebe... Aber ich mache mich jetzt auf den Weg.

Sonntag, 16. Mai 2010

do what you do: Per Anhalter durchs Netz (Serie, Teil 11)

Ein Phänomen sprachlicher Natur, das mich schon seit längerem beschäftigt, ist die Tautologie. Genau genommen interessiert mich dabei nicht die schnöde aussagenlogische Tautologie, die ihrerseits schnöde aussagenlogische Wahrheiten verkündet ("Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist." oder, diese Wendung illustriert das noch viel besser: "Was liegt, liegt."), sondern die rausgerutschte Tautologie, die uns immer wieder in unserem alltäglichen Sprechen passiert ("Der Südplatzspäti, der Späti am Südplatz."). Warum äußern wir etwas derart Überflüssiges, wo doch nach dem Kooperations- und Konversationsprinzip von Grice  Redundanz eine Sünde ist? "Pah, komm uns doch nicht mit diesem Old-School-Linguisten und seiner starrsinnigen Prinzipienreiterei!!" werden meine postdekonstruktivistischen linguistischen Widersacher jetzt maulen... "Ihr habt Euch zu wenig mit dem mentalistisch denkenden Grice beschäftigt." werde ich zurückmaulen. Beide Seiten verschränken die Arme, ziehen eine beleidigte Schippe, müssen nach einem kurzen Western-Anstarr-Duell aber grinsen und fallen sich dann lachend in die Arme. 

Zurück zu den Tautologien im Alltag. Wenn wir sie so unwillkürlich äußern, dann haben sie wohl auch einen Mehrwert an Information, oder? Natürlich haben sie den, klärt uns das sprachwissenschaftliche Wörterbuch auf - stilistisch, metaphorisch... Manchmal sind sie aber auch tatsächlich redundant ("ich persönlich") oder redundant aus Unkenntnis ("LCD-Display", "Guerillakrieg"). Aus gesprächsanalytischer und auch psycholinguistischer Sicht sind beide Formen interessant, weil sie uns Aufschluss geben könnten über semantische Felder und (damit zusammenhängend) über die logische Strukturen, in denen wir die Welt organisieren (Oder in denen die Welt organisiert ist? Was würde Kant sagen? Was würde Keith Richards tun?). Warum ist es nötig zu sagen, dass man ein "innerliches Gefühl" hat oder ein "Einzelindividuum" ist? Das wäre ein feines Magisterarbeitsthema, die nicht ganz so selbstverständlichen Tautologien des Alltags zu sammeln und ihnen zu entlocken, wie die Welt in Worten denkt... Empirisch aber sicher schwer umzusetzen, das sehe ich ein. Darum mögen sich an dieser Stelle sowohl linguistische Widersacher wie auch Sprachästheten und nicht zuletzt Wohlgesonnene dazu aufgefordert fühlen, mir Belege zuzuspielen!

Heute ist ja nebenbei auch Sonntag - Anhaltertag. Glücklicherweise kenne ich  ein Lied, das diese theoretischen und heute ausnahmsweise mal wieder linguistischen Überlegungen hervorragend untermalt. Ich mag es so gerne, dass ich es bisher wie einen kleinen Schatz gehütet und nur besonderen Menschen gezeigt habe.


Moriaty - Jimmy
The Buffaloes used to say be what you are
The Buffaloes used to say roam where you roam
The Buffaloes used to say do what you do

So heißt es im Refrain. Und auch wenn mir dabei das schreibende Herz ein wenig blutet, denke ich fast, dass sich die großen Weisheiten, die man über das Leben sagen kann, meistens ziemlich gut in sehr einfachen Tautologien, geradezu Büffeltautologien, ausdrücken lassen. So wie man überhaupt alles große, komplizierte, schwere in einfache Worte fassen können sollte. "Es ist, was es ist." ist eine schöne Tautologie und immerhin, sie entstammt einem anderen schreibenden Herzen. Also keine bedauernden Worte mehr, sondern ein Lob auf die Schlichtheit der Tautologie! Trost kommt mit der Post.

Sonntag, 11. April 2010

Dylan als Frau: Per Anhalter durchs Netz (Serie, Teil 6)

Oh nein! Es ist Sonntag, fast hätte ich meine Lieblingsrubrik vergessen. Ok, heute stand mein Umzug auf dem Programm, aber das ist ja keine Entschuldigung: Über Musik muss berichtet werden! Vor allem weil ich in dieser Woche musikalisch so dermaßen monogam gelebt habe, wie ich es normalerweise nur in Bezug auf Neil und Bob zu tun pflege. Bob ist ein gutes Stichwort. Der war ja mal Folksinger, bis er keine Lust mehr darauf hatte und sich einen anderen Spielplatz gesucht hat. Folk und in ihrer schlichten Schönheit sehr dylanhafte Musik macht auch diese Frau:

Emily Jane White

Musik-Kritiker nennen das Phänomen Dark Folk. Ich bin dafür, dass wir keinen Maschendrahtzaun um unseren Musikgeschmack spannen, sondern uns der Musik hingeben. Mich stimmt sie nämlich nicht dunkeltraurig-düsterschwarz, also nenne ich es auch nicht Dark Folk. Aber das soll jeder handhaben, wie er will. Bei mir kann jeder machen, was er will.

Nachdem ich das Album Dark Undercoat gefühlt hunderttausend-millionenmal gehört habe, fällt es mir natürlich schwer, DEN Song heraus zu suchen, mit dem ich Euch an die wundervolle Emily heranführen kann. Ich habe mich für Time on your side entschieden, weil es der allererste Song war, den ich von ihr gehört habe, wie mir mittlerweile wieder eingefallen ist...


Emily Jane White - Time on your side
 
Bei dem Titel hatte ich natürlich an den gleichnamigen Stones-Song denken müssen. Nichts gegen Mick und Keith, das sind auch schöne Frauen, aber Emilys Auslotung dieser Phrase, ist wesentlich poetischer und philosophisch-gehaltvoller. Schließlich bewegen wir uns hier auf dem schmalen Grat zwischen φ, [ˈʃpʀaːχə], ♪♪ und dem, was "das Leben" genannt wird.
Not much to do when you've got time on your side, you sit and think about your wasted life. I try to move, change things through and through.
Ab und an sollte man zurückblicken, einen Song auf repeat stellen, die Zeit für sich arbeiten lassen und sich bewegen. Ab und an hilft es, die eigene Unrast zu verlieren und im Gegenzug festen Boden unter den Füßen zu gewinnen. Ab und an sollte man sich weit weg träumen. Ab und an sieht man bei geschlossenen Augen die ganze Welt vor sich liegen. Ab und an betrachtet man die eigenen Hände und bemerkt, dass man älter geworden ist. Ab und an begreift man, dass es genau darum geht, dass das Leben genau daraus besteht: älter werden. Ab und an versteht man, dass man Momente nicht festhalten kann. Ab und an schimmert die Kontingenz des Lebens durch den Stoff des Alltags. Ab und an sollte man sich frei machen und nackt in einen See springen. Ab und an muss man ausziehen, weil Ameisen bei einem wohnen. Oder Igel. Ab und an gesteht man sich ein, dass man Freunde von früher verloren hat und trauert ihnen noch eine Weile nach wie einer verlorenen Liebe. Ab und an reißt der Strom der neuen Leute, die man kennen lernt, nicht ab und man vergisst, wem man was erzählt hat. Ab und an ist man vier Abende in Folge betrunken. Ab und an fühlt man Musik ganz tief im Herzen. Ab und an hat man einen Satz im Kopf. Ab und an hat man eine Idee. Ab und an sollte man die Zeit anhalten können. Ab und an weiß man, dass Freiheit ein Kontinuum ist und dass die Liebe ein Loch in die Freiheit reißt...

Mittwoch, 7. April 2010

Macht Eure Flure zu Salons!! Sonderausgabe von: Per Anhalter durchs Netz (Serie, Teil 5)

Heute möchte ich Euch von einem ganz wunderbaren Konzert berichten, dass mir eine Ostermontagsonderausgabe der Musikempfehlungsserie "Per Anhalter durchs Netz" wert ist, weil es mir erstens neue Musik zu Gehör brachte, zweitens ganz wundervoll atmosphärisch war und drittens in sich die Idee für eine neue Salon-Kultur barg. "Oh nein!" denkt sich nun der mittlerweile abgeneigte linguistische Leser: "Jetzt schreibt sie auch noch Konzertkritiken. Was hat das denn noch mit Sprache zu tun?" Tja, manchmal muss man um die Ecke denken, um zum Ziel zu kommen. Es gibt zum Beispiel Leute, die sich einen Namen als Musikkritiker gemacht haben, indem sie nie erschienene Platten rezensierten. Warum soll also Musik uns nichts über Sprache sagen? 

Meine hehren Ansprüche eines linguistischen Blogs versanden in popkultureller Bedeutungslosigkeit? Pah! Wer so denkt, sollte sich die Genfer Blogkonvention noch einmal genauestens durchlesen. Ich könnte jetzt diese Definition kommentieren und erklären, was mir laut derselben zu einem Vollblut-Bloggenden noch fehlt (hier die Antwort, bitte den Link nur anklicken, wer starke Nerven hat). Aber um die Ecke nicht zu gigantomanisch zu gestalten, damit ich nachher noch bequem drum herum passe, beende ich an dieser Stelle den fiktiven Dialog mit meinem potentiellen popkulturfeindlichen Blogleser und komme zum Kern der Sache: zum Konzert.

Liebenswerterweise bin ich nämlich am Ostermontag zu einem Flurkonzert namens "Aus der Diele" eingeladen gewesen. Es war wirklich etwas  sehr Besonderes. So etwas geht nur in Leipzig mit seinen hundertmeterlangen Altbauwohnungsfluren und nur in einem derart privaten Rahmen mit maximal vierzig Zuhörern! Gespielt haben zwei oder vier Bands, je nachdem wie man zählt. Ich will sie hier mal eben verlinken, damit Ihr Euch selbst ein Bild machen könnt:

# chip kanonee (Leipzig/Berlin) # myspace.com/chipkanonee

# Annalena Bludau (Bremen)  # myspace.com/annalenabludau

# binoculers (Hamburg) # myspace.com/binoculers

# the canoe man solo (Bremen) # myspace.com/thecanoemanmusic

Nun ein paar erklärende Worte zu der merkwürdigen Zählweise. Es ist nämlich so, dass chip kanonee unter anderem aus einem Bewohner der Wohnung, in der das Flurkonzert abgehalten wurde, bestand. Sie haben wunderbare Akustik-Songs ohne jeden Verstärker gespielt und es war eine gewisse Kanada-Lastigkeit in der Auswahl der Stücke zu  beobachten, die mir als altem Neil-Young- und mittelaltem Feist-Fan natürlich außerordentlich gefiel. Akustik im Salon - wäre ein schöner Titel für so eine Veranstaltungsreihe...

Die drei Künstler anderen Künstler indes machen eigentlich eigenständig und solo Musik, derzeit aber touren sie miteinander. Sie machen eine ABC-Tour (Wer drauf kommt, warum die Tour so heißt, kriegt ein Eis.):

Dieses Konzept war mir bis dato nicht bekannt, aber es funktionierte ganz wunderbar. Während einer im Vordergrund seine Musik vortrug, begleiteten ihn die anderen im Hintergrund auf diversen Instrumenten. Es schien jeder alles spielen zu können. Die Übergänge waren fast fließend. Eine wirklich beeindruckende Vorstellung mit Gänsehaut und allem drum und dran.

Und warum schreibe ich das überhaupt alles? Natürlich um Euch zunächst geistig und später vielleicht auch physisch daran teilhaben zu lassen, denn erfreulicherweise hat die ABC-Tour soeben erst begonnen. Weitere Termine sind:

07. April 2010     20h     Großhennersdorf, Alte Bäckerei
08. April 2010     20h     Görlitz, Stille Post
11. April 2010     20h     Katowice (PL), Oldtimers Garage
14. April 2010     21h     Berlin, Ä
16. April 2010     20h     Bremen, Zucker w/Tripping The Light Fantastic
05. Mai   2010     20h     Hamburg, MBC

Aber auch nach Basel, Dresden und Italien wird sich das Gespann teilweise aufmachen. Was fällt auf? In Berlin geht's erst um 21 Uhr los. Diese Stadt der Verspätungen...

Und wieder nörgelt in meinem Kopf ein imaginärer Leser: "Was hat das alles jetzt mit Sprache zu tun?" Mein netter neuer Mitbewohner hat mich heute auf Adorno aufmerksam gemacht. Er schreibt in "Quasi una fantasia" über Sprache und Musik folgendes:
 "Musik ist sprachähnlich. Ausdrücke wie musikalisches Idiom, musikalischer Tonfall, sind keine Metaphern. Ihre Sprachähnlichkeit weist den Weg ins Innere, doch auch ins Vage. Wer Musik wörtlich als Sprache nimmt, den führt sie irre."
Sich zu verirren, ist doch eine gute Mission! Wir sind um die Ecke und der fiktive Nörgler ist ebenfalls um die Ecke gebracht. Von nun an wird über Musik geschrieben, wie es uns passt. Gute Nacht und bis bald im Salon...