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Samstag, 2. Oktober 2010

Lauschen auf das Rauschen

Herzdurchblick
Der Counter steht bei nine-one-one. Ich bin auf dem Sprung von den Bergen bis ans Meer und nachdenklich geworden. Woran erkennt man ein echtes Gefühl? Mir kam in den letzten anderthalb Jahren einiges unter, das sich gut oder wenigstens mittelgut angefühlt hat, aber in Zeit und Nähe taugte nichts davon. So habe ich begonnen, mir selbst gegenüber misstrauisch zu werden und vielleicht auch Spielchen zu spielen. Ich habe viel zu oft Platzangst bekommen und mich in die Idee der Freiheit verknallt. Ich habe dabei nur leider übersehen, dass sie so leer und ausgehöhlt, wie ich sie manchmal verstanden habe, gar keinen Wert besitzt. Freiheit bedeutet nicht nur gegen etwas zu sein, ist nicht nur Freiheit von, ist nicht nur reine Anti-Haltung: Anti-Beziehung, Anti-Gebundenheit, Anti-Verbindlichkeit, Anti-Verantwortung, Anti-Einschränkung. Freiheit ist ihrem Wesen gemäß positiv bestimmt, sie ist Freiheit zu. Intellektuell hatte ich das bereits an anderer Stelle erwogen und betastet, aber emotional schien die positive Freiheit nicht bei mir angekommen zu sein. Aber allmählich spüre ich sie. Ich habe endlich alten Balast abgeworfen, ein Kreuzfahrtschiff aus Papier mit einem Mann über Bord. Sie legt sich wie Seewind auf meine Haut. Sie verwandelt das ewige Anti in wahre Unabhängigkeit, aufrichtige Gelassenheit, Glück im Alleinsein und Zufriedenheit mit mir selbst. Das ist wohl das, was Kitti einst meinte, als sie zu mir sagte, man bekomme erst ein Profil, wenn man eine Weile mit sich alleine gewesen sei und nur mit Profil verliebten sich die Menschen in einen als Menschen.

Ick bin ja ooch mit mir hier singt Icke von Icke&Er.

Und das echte Gefühl? Ganz selten habe ich es leise Klicken gehört. Ich will lieber keine Zahl nennen. Wegen des profunden Misstrauens mir selbst gegenüber habe ich immer versucht, es zu ignorieren, bis es dann irgendwann aus mir hervorbrach, meistens in Briefen, manchmal in Blicken. Für's Vergessen sind große Anstrengungen nötig. 

Ein leises Klicken? Die Liebe überfällt uns ab einem bestimmten Alter, mit einer bestimmten Abgeklärtheit und mit einem gewissen Maß an Erfahrung nicht mehr mit der Wucht einer Blaskapelle, wie es bei der großen Jugendliebe der Fall war. Die haben wir übrigens alle mit der großen Liebe an sich verwechselt und außerdem haben wir ihr viel zu lange nachgetrauert. Stattdessen ist es dieses leise Klicken, für das es  eine gewisse Vertrautheit braucht, das dann aber etwas sehr Plötzliches an sich hat, das alles mit einem Mal ganz einfach werden, das uns die Welt mit neuen Augen und mit der Aussicht auf andere Ufer sehen lässt.

Aber treten wir einen Schritt zurück von meiner Mikro-Frosch-Perspektive und lassen wir andere moderne Wortverdichter etwas über die Liebe sagen. Geliebte und verfluchte Metaebene…
Funny van Dannen singt:
Die Liebe ist ein Schmetterling auf der Autobahn,
sie macht die Augen zu und das Fernlicht an.

Dota Kehr singt:
Die Liebe ist ein kleines Tier,
vielleicht läuft es eines Tages fort.
Man fragt im Tierheim:
"Ham Sie noch so eins?"
Und dann ist keins dort.

Manchmal ist die Liebe für sie auch: …drei Worte im Sinn.

Die Ohrbooten singen: 
Denn es gibt so viele Gefühle für Liebe,
wenn ick dit Leben mit dir spiele, spüre ick Familie.
Da sind so viele gemeinsame Ziele
und deine sweete Brise gibt mir diese Perspektive.
Einige wählen aus Feigheit die Freiheit, anderen fehlt zur Freiheit der Mut. Freiheit ist aber nur dann Unabhängigkeit, wenn man in sich und nicht im anderen nach sich selbst sucht. Wenn du mich liebst, bleib bei dir singt Tom Liwa. Wir werden ohnehin nie fertig, wir finden keine große, letzte Antwort, wir sind immer auf der Suche. Wir müssen beginnen, die Fragen selbst liebzuhaben, so wie Rilke es fordert.

Aber kehren wir von der Freiheit zur Ausgangsfrage zurück: 
Woran erkennt man ein echtes Gefühl? 
Eine vage, kleine, flüchtige Antwort darauf ist neulich kurz in mir aufgeflackert. Es ist  ein echtes Gefühl, wenn zwei ehrliche Sätze einem in einem Wust von Worten sofort die Tränen in die Augen schießen lassen – das erste Mal seit langem. Es ist ein echtes Gefühl, wenn sich die Wahl hartnäckig jeder Logik, allen guten Argumenten und allen gemachten Erfahrungen widersetzt. Es ist ein echtes Gefühl, wenn man den einen Menschen nicht trotz sondern gerade wegen der Eigenschaften mag, von denen man weiß, dass man sie eigentlich nicht ausstehen kann. Es ist ein echtes Gefühl, wenn es auch die Verdrängungsanstrengungen überlebt und nicht so schnell vorbei ist, wie man ein Ein-Mann-Zelt abbauen kann. Ich hatte wirklich geglaubt, dass Schweigen heilsam sein kann, wenn man bei sich selbst klar Schiff gemacht hat. Aber die nicht gelebte Liebe lässt sich nicht wegschweigen, nicht vergessen, nicht verdrängen. Sie blitzt hier und da in kleinen Sequenzen wieder auf, reißt ein Loch in den Schleier des Schweigens, reißt ein Loch in die Freiheit und wirft uns ganz und gar aus der Bahn. Die Gedanken an die nicht gelebte Liebe begleiteten uns ein Leben lang. So lang ist meines noch nicht, aber ich bin mir das eine Mal ganz sicher, mit dieser Erkenntnis der Wahrheit sehr, sehr nahe zu sein.

So weit die auf mich eingestürzte Antwort. Ob ich sie bereits leben kann ist eine andere Frage. Platzangst, Neugier und Rastlosigkeit sind mir nach wie vor treue, sind mir mehr und weniger lieber Begleiter. Dennoch noch eine Nachfrage: Man gibt sich so große Mühe, genau in sich hineinzuhorchen und teilt dem Gegenüber das Erlauschte mit großer Ehrlichkeit mit. Bei all der Mühe, die diese Ehrlichkeit zu kosten scheint, vergisst man manchmal, die erspürten, in sich selbst vorgefundenen Positionen zu hinterfragen. Ab einem gewissen Alter will man die Grundpfeiler seiner gewählten Lebensform nicht mehr hinterfragen. Aber ich fürchte um den Moment, wenn das Leben fast vorbei ist. Nur die nicht getanen Dinge, werden wir bereuen. Was hingegen getan wurde, mag es uns Schmerzen oder bittere Erfahrung gekostet haben, uns schöne Augenblicke oder wertvolle Mensch geschenkt haben, ist gelebtes Leben. Denn daraus besteht das Leben. Mit dem Nichts und dem Mangel ist es eine schwierige Kiste. Dieses Nachdenken über Liebe ist nicht der richtige Ort dafür.

Mit Brecht hat es begonnen. Wäre nicht Brecht gewesen, wäre vielleicht nichts geschehen. Brecht hatte mich am Haken. Darum will ich es mit Brecht enden lassen. Vielleicht auch nur für heute. Vorweg muss ich aber sagen, dass es nur ein Pseudo-Brecht ist. Diese Zitat wird ihm fälschlicherweise zugeschrieben, aber das ist egal. Hätte er es gesagt, hätte er es gewiss auch vorrangig politisch und weniger lebensweltlich gemeint. Nu is' er aber tot und een Deutschlehrer is' ooch nich' anwesend, also lesen wa ihn wie wa wolln! sacht die Berliner Jöre in  mir, schließt trotzig mit den Worten…

"Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."

…und für heute die Augen, denn der Appell ist viel mehr an sie selbst gerichtet als an irgendwen da draußen und mit geschlossenen Augen lässt es sich einfach besser in sich hinein lauschen auf das Rauschen, das die Meeresstille des Seele macht, wenn man wahrhaft frei und glücklich ist.





Ein Nachsatz, inspiriert von girlrunningwild. [2010-10-03 15:55]

Lassen wir noch Sartre zu Wort kommen.
„Er [der Liebende] will von einer Freiheit geliebt werden und verlangt, daß diese Freiheit als Freiheit nicht mehr frei sei, […] daß diese Freiheit durch sich selbst gefangengenommen wird, daß sie sich, wie im Wahn, wie im Traum auf sich selbst zurückwendet und  ihre eigene Gefangenschaft will. Und diese Gefangenschaft soll freie und zugleich an unsere Hände gekettete Abdankung sein.“
[Das Sein und das Nichts 435]
Es ist ein echtes Gefühl, wenn man sich freiwillig, ja sogar gerne um die eigene Freiheit berauben lässt. Wenn wir mit Sartre auch wissen, dass der Versuch, Einheit zu erreichen, zum Scheitern verurteilt ist... Das Versuchen, das Anfangen, das Scheitern, das Aufrappeln, das Wollen und Sehnen und Verschenken – daraus, daraus, daraus ist es – süßes, goldenes, raues, frostiges, überladenes, vergeudetes, gebrauchtes, geliebtes, gelebtes Leben.

Mittwoch, 8. September 2010

Damenwahl

Ich habe heute einen schönen Spruch von Joseph Joubert in meinem Kalender gelesen:

"Zur Gattin soll man nur die Frau wählen, die man, wäre sie ein Mann, zum Freund wählen würde."

Würde man den Satz umdrehen, käme etwas Komisches dabei heraus. Einen Mann, der, wäre er eine Frau, eine gute Freundin für mich wäre, würde ich vermutlich nicht wählen... Aber das Grundprinzip dürfte dasselbe sein. Nachzusehen in dem wundervollen Film Full Metal Village.

Sonntag, 5. September 2010

Ein verschwiegenes Organ oder Bewusstseinsstrom, 5 Uhr früh

Die Hände unterm Kopf gefaltet höre ich meinem eigenen Herzen beim Schlagen zu und warte auf den mich übermannenden Schlaf. Statt zu schlafen sinne ich dem Wort übermannen nach. Allzu genau sollte ich ihm nicht hinterherrennen, dem Wort, das weiß ich, sonst ist an Schlaf noch weniger zu denken. Allzu genau sollte man eigentlich überhaupt nicht immer hinspüren, hindenken, denke ich noch und fühle mich ganz müde. Immer noch lausche ich meinem Herzen und wünsche mir, man könnte ihm tatsächlich zuhören, es befragen und eine Antwort in Worten und nicht nur in Ahnungen erhalten. Obwohl es ein so deutliches Geräusch beim Arbeiten macht, ist es doch ein recht verschwiegenes Organ, denke ich. Von der Milz oder der Bauchspeicheldrüse hört man auch nichts, aber da erwartet man es auch nicht. Was hätte ich meiner Bauchspeicheldrüse schon zu sagen? Außer vielleicht "Geh bitte nicht kaputt. Gib den Geist nicht auf!" Nun hänge ich der Formulierung den Geist aufgeben nach und wundere mich, woher sie kommen mag. Wir verwenden sie doch eher für Dinge, aber Dinge haben keinen Geist. Keiner würde sagen "Meine Oma hat den Geist aufgegeben.", obwohl das viel eher stimmen könnte, als dass ein Toaster den Geist aufgibt. Aber das würden wir einfach nicht sagen. Stattdessen suchen wir höflichere Umschreibungen wie "Oma ist nicht mehr ganz da." Dabei hört sich das viel mehr danach an, als wäre Oma ein Ding. Man kann doch nicht nur halb existieren. Wie sieht so eine halbe Existenz aus? Als wäre Oma, am Maßstab der Menschheit gemessen, kaputt. Was macht es also aus, ein Mensch zu sein? Einen klaren Geist zu haben? Gefühle zu haben? Gefühle hat Oma sicher, denn sie weint oft und erzählt viel von früher. Sind die komischen Hirnforscher also doch parteiisch und eher am Denken interessiert als an dem, was wir früher mal Seele genannt haben und heute abgespeckt nur noch Emotionen nennen? Ich nenne es immer noch Seele. Auch wenn ich schief angeguckt werde dafür. Ich verdichte die Welt, ich darf noch Seele sagen, das ist ein geschützter Begriff! Ich höre dem gleichmäßigen Geräusch meines Stiftes zu, das er auf dem Papier macht. Es klingt ein bisschen wie Meeresrauschen. Gleichmäßig und gekräuselt wie ein ruhiges Meer sieht auch meine Schrift aus. Der Hals tut mir ein bisschen weh und ich weiß nicht mal, bei wem ich mich angesteckt habe. Eigentlich blödsinnig überhaupt danach zu fragen. Was spielt das für eine Rolle? Wollte ich mich darüber beschweren, angesteckt worden zu sein, ich könnte es bei jedem, der hustet, tun. Aber wofür? Um ein schlechtes Gewissen zu provozieren. Davon hat aber auch keiner was. Wie merkwürdig Menschen ticken, dass sie gerne anderen Menschen ein schlechtes Gewissen machen. Was für ein wichtiges Gefühl dieses "schlechte Gewissen" ist und doch ist es in der Aufzählung der Basisemotionen nicht enthalten und nie habe ich im Philosophiestudium jemanden davon reden hören. "Hätteste besser Psycho studiert!" ruft mir eine Stimme aus dem Off zu. Aber ich dachte, Philosophen untersuchten die Struktur der Welt. Gehört nicht ein Gefühl wie das schlechte Gewissen ebenso zur Welt wie das heiß umkämpfte Gefühl der Freiheit? Andererseits hat sicher irgendwann einmal irgendein amerikanischer Philosoph irgendeinen kleinen Aufsatz über das schlechte Gewissen geschrieben. Ich weiß nur nichts davon. Überhaupt weiß ich noch immer zu wenig, fast nichts. Könnte ja meine Magisterarbeit darüber schreiben, über das schlechte Gewissen! Darüber muss ich jetzt lachen. Der übermannende Schlaf ist ziemlich weit weg. Ich hole mir was zu trinken. Das kalte Wasser kühlt die kratzende Kehle. Ich lege mich ins Bett, stütze den Kopf in die Hand und höre wieder mein Herz. Ein verschwiegenes Organ eigentlich, denke ich und merke, dass ich am Ende angekommen bin.

Donnerstag, 26. August 2010

Es müsste immer Musik da sein.

Mitten in der Woche ein Zitat von Floyd in Absolute Giganten:
"Weißt du, was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. Und wenn's so richtig scheisse ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle wo, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment."

Mittwoch, 9. Juni 2010

korrekt, korrekt, jefällt ma, jeht ab...

Ich habe einen Mitbewohner, wo huere sympathisch isch. Genau genommen habe ich sogar zwei davon. Aber heute soll es nur um einen von ihnen gehen. Mit Grandmaster Tim teile ich nicht nur das Müesli, die Liebe zum Bier und die unterste Humorschublade sondern auch eine ganz entscheidende Einstellung zu Sprache. Bereits zu Beginn unseres Zusammenwohnens, also ohne uns besonders gut zu kennen, sind wir (in unprotokollierten Küchengesprächen) darauf gestoßen, dass wir es beide völlig in Ordnung finden, einen Gegenstand, einen Sachverhalt oder eine Person als behindert oder schwul zu bezeichnen. Eine (sogenannte!!) "jugendsprachliche" Tendenz, die vielen bekannt sein dürfte und die in studentischen und akademischen Kreisen als ausgesprochen unreflektiert und daher per se illegitim gilt. Das komplette Durchgendern der Welt ist der allerliebste Lieblingssport des StuRas bzw. AStAs (Dabei entstehen manchmal so wunderschöne Stilblüten wie "Liebe Wanderer und Wandererinnen..."), Politiker lieben Euphemismen wie Kollateralschaden, Restrukturierung, bewaffneter Konflikt. political correctness ist nach wie vor ausgesprochen in Mode. Ich frage mich schon seit längerem, was genau mich daran eigentlich so stört. 

Seit mir mit Tim ein intelligenter, sehr reflektierter und huere sympathischer Soziologie-Student gegenübersaß, den das gleiche Unbehagen mit diesem sprachlichen Unkraut à la "geistig herausgefordert" quält und der der political-correctness-Maschine mutig mit Humor und Ironie entgegentritt, versuche ich mich dem Phänomen linguistisch anzunähern. Sehr geholfen hat mir wieder einmal ein Eintrag im Bremer Sprachblog. So bin ich auf die Euphemismus-Tretmühle gestoßen (nebenbei bemerkt: was für ein herrlich anschaulicher Fachbegriff!!) Die Euphemismus-Tretmühle ist eine Theorie von Steven Pinker, die besagt, dass sich an ein Wort, das eigentlich dazu eingeführt wurden, um einen unangenehmen Sachverhalt zu beschönigen, im Laufe der Zeit die Bedeutungen des Wortes anheften kann, das das neue Wort eigentlich ersetzen sollte - jedenfalls solange sich die realen Verhältnisse, die das Wort bechreibt, nicht verbessert haben.

Besonders gut hat mir das Beispiel der "Jugendlichen mit Migrationshintergrund" gefallen, weil es sich dabei um eine relativ junge Bemühung handelt, mit sprachlichen Mitteln  die Verhältnisse zu ändern. Aber stattdessen hat der als neutral intendierte Begriff die Bedeutungskomponente hinzugewonnen, die früher dem Begriff Gastarbeiterkind angehaftet hat: sozial auffällig, unangepasst, störend. Besser integriert sind sie, egal wie man sie nennen will, deswegen noch nicht. Sie kommen kaum vor an den Stellschrauben in unserer Gesellschaft. Sie sind unterrepräsentiert bei Medienmachern, Politikern und in den Bildungseinrichtungen und das trotz der Kuschelbezeichnung...

Entscheidend ist also, dass sich die Verhältnisse nicht einfach ändern, nur weil wir unseren Sprachgebrauch ändern. Behinderte sind nicht weniger ausgegrenzt, weil sie plötzlich "Menschen mit besonderen Bedürfnisse" oder "anders Befähigte" genannt werden (die Liste der alternativen Bezeichnungen ist lang und absurd). Schwarze leben in der deutschen Provinz nicht weniger gefährlich, nur weil wir uns Phantasienamen wie "Farbige" ausdenken. Frauen werden nicht gleichwertig bezahlt, nur weil man an ihre Berufsbezeichnung ein "-in" ranklebt. Die dinosaurierartigen Strukturen an den Universitäten ändern sich nicht, nur weil es nur noch "_innen" bzw. "Innen" gibt. Nach wie vor stehen bei einem typischen Frauenstudiengang wie z.B. der Germanistik in Leipzig (mindestens 80% der Studentenschaft sind weiblich) nur zwei Professorinnen sieben Professoren gegenüber. Nebenbei bemerkt, ich finde wir sollten auch anfangen, von TerroristInnen, MörderInnen und NerdInnen zu reden, wenn wir schon konsequent durchgendern wollen. Bisher treffen Binnen-i und Gender Gap nur Bezeichnungen, die für die Bezeichneten positiv ausfallen.

Das was Tim in seinem Sprachgebrauch praktiziert, ist die gegenläufige Bewegeung: Man könnte es Dysphemismus-Tretmühle nennen. Nerd zählt in diese Kategorie; von einer ursprünglich abwertenden Bezeichnung ist der Begriff zu einer halbwegs stolzen Selbstbezeichnung geworden. Die gleiche Tendenz kann man für schwul, gay, Hure und Nigger annehmen, zumindest solange es eine Selbstbezeichnung ist. Das heißt wohl nichts anderes, als das der Ton die Musik macht. Solange wir Menschen wie Menschen begegnen, ist es eigentlich egal, wie wir uns gegenseitig nennen. Das zumindest wäre meine steile These, für die ich aber glücklicherweise nicht gevierteilt werden werde, weil ohnehin kaum ein Schwein mein Blog liest.

Zwei schöne Beispiele für meine These kann ich aber noch anbringen. Das erste ist ein negatives Beispiel meiner ehemaligen Niederländisch-Lehrerin. Sie war nicht nur linguistisch völlig ungebildet und beratungsresistent, sondern außerdem noch mit latent fremdenfeindlichen Einstellungen ausgestattet. So machte sie sich einmal über Afrikaans als eine "minderwertige" Sprache lustig. Sie begründete ihr Urteil u.a. damit, dass dort der Plural gebildet werde, indem die Wörter verdoppelt würden. Das stimmt erstens nicht und zweitens ist es meines Erachtens mehr als logisch, dass man, wenn einem mehrere Dinge vorliegen auf die Idee kommt, auch das Wort zu doppeln, um dieses Verhältnis auszudrücken. Eigentlich sollte man sich über die indoeuropäischen Sprachen lustig machen, weil die so ein Brumborium wie Stammlautveränderung und zig verschiedene Endungen zur Pluralmarkierung benötigen. Aber zurück zur Sache: Um Weihnachten herum ging es auch viel um Sinterklaas, den niederländischen Weihnachtsmann und dessen Helfer, die meine Niederländischlehrerin unverholen (auch auf deutsch) als Neger bezeichnete. Die Frau lebt seit 20 Jahren in Deutschland und müsste wissen, dass diese Fremdbezeichnung maximal noch bei sehr alten Menschen entschuldigt wird. Meine indisch-stämmige Cousine jedenfalls war von ihrer Redeweise getroffen und ich vermute, dass da wieder der musikmachende Ton ins Spiel kommt. Wenn jemand ohnehin so verschwurbelte Ansichten hat, kann ein negativ besetzter Begriff einiges Unheil anrichten. Tim hingegen merkt man an, dass er ein korrekter Typ ist und ich für meinen Teil würde mich von dem werten Herrn durchaus unbeleidigt als Ost-Schnitte oder Uschi bezeichnen lassen.

Nun kommt mein Positiv-Beispiel. In Thailand haben meine Schwester und ich im letzten Jahr drei unglaublich coole Jungs kennen gelernt, mit denen man prima abhängen konnte. Sie haben sich selbst als "die Tauben" bezeichnet, was meine Schwester und mich im ersten Augenblick befremdet hat, weil wir ja gelernt haben, dass man das Wort "taub" vermeiden sollte, weil es beleidigend verstanden werden kann und lieber "gehörlos" sagen sollte. Ähnlich wie Schwule mit ihrem "Gay Pride" haben die Jungs sich selbstbewusst u.a. als "taub" bezeichnet, was uns komplett die Scheu vor ihrem Anders-als-wir-Sein genommen hat. Ihr lockerer (auch sprachlicher) Umgang mit der eigenen Behinderung hat sich auf uns übertragen und wir hatten eine spitzenmäßige, wenn auch viel zu kurze Zeit miteinander. Dabei ist das folgende Foto entstanden, mittlerweile eines meiner Lieblingsfotos:

Der uns an diesem Abend begleitende Thai hatte sich die dargestellte Gebärde für die in Thailand weit verbreitete Redeweise "Same same, but different" ausgedacht. Zwar nicht korrekt aber ziemlich lustig!

Tim jedenfalls hat beschlossen die Verhältnisse umzukehren, er wird studierter Hausmann und Muckibudenbesucher. Seiner Freundin sind also karrieremäßig keine Grenzen gesteckt. Neue Schwanzträger braucht das Land!

Mit diesen Überlegungen lasse ich meine werte Leserschaft_Innen allein. Nerdige Grüße!

p.s.: Weiterführend empfehle ich das Buch "Sprachwandel. Von der unsichtbaren Hand in der Sprache" von Rudi Keller. Außerdem sollte man sich "Deafhood" von Paddy Ladd zu Gemüte führen, wenn man einen Einblick in die "Welt der Tauben" bekommen möchte.

Sonntag, 16. Mai 2010

do what you do: Per Anhalter durchs Netz (Serie, Teil 11)

Ein Phänomen sprachlicher Natur, das mich schon seit längerem beschäftigt, ist die Tautologie. Genau genommen interessiert mich dabei nicht die schnöde aussagenlogische Tautologie, die ihrerseits schnöde aussagenlogische Wahrheiten verkündet ("Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist." oder, diese Wendung illustriert das noch viel besser: "Was liegt, liegt."), sondern die rausgerutschte Tautologie, die uns immer wieder in unserem alltäglichen Sprechen passiert ("Der Südplatzspäti, der Späti am Südplatz."). Warum äußern wir etwas derart Überflüssiges, wo doch nach dem Kooperations- und Konversationsprinzip von Grice  Redundanz eine Sünde ist? "Pah, komm uns doch nicht mit diesem Old-School-Linguisten und seiner starrsinnigen Prinzipienreiterei!!" werden meine postdekonstruktivistischen linguistischen Widersacher jetzt maulen... "Ihr habt Euch zu wenig mit dem mentalistisch denkenden Grice beschäftigt." werde ich zurückmaulen. Beide Seiten verschränken die Arme, ziehen eine beleidigte Schippe, müssen nach einem kurzen Western-Anstarr-Duell aber grinsen und fallen sich dann lachend in die Arme. 

Zurück zu den Tautologien im Alltag. Wenn wir sie so unwillkürlich äußern, dann haben sie wohl auch einen Mehrwert an Information, oder? Natürlich haben sie den, klärt uns das sprachwissenschaftliche Wörterbuch auf - stilistisch, metaphorisch... Manchmal sind sie aber auch tatsächlich redundant ("ich persönlich") oder redundant aus Unkenntnis ("LCD-Display", "Guerillakrieg"). Aus gesprächsanalytischer und auch psycholinguistischer Sicht sind beide Formen interessant, weil sie uns Aufschluss geben könnten über semantische Felder und (damit zusammenhängend) über die logische Strukturen, in denen wir die Welt organisieren (Oder in denen die Welt organisiert ist? Was würde Kant sagen? Was würde Keith Richards tun?). Warum ist es nötig zu sagen, dass man ein "innerliches Gefühl" hat oder ein "Einzelindividuum" ist? Das wäre ein feines Magisterarbeitsthema, die nicht ganz so selbstverständlichen Tautologien des Alltags zu sammeln und ihnen zu entlocken, wie die Welt in Worten denkt... Empirisch aber sicher schwer umzusetzen, das sehe ich ein. Darum mögen sich an dieser Stelle sowohl linguistische Widersacher wie auch Sprachästheten und nicht zuletzt Wohlgesonnene dazu aufgefordert fühlen, mir Belege zuzuspielen!

Heute ist ja nebenbei auch Sonntag - Anhaltertag. Glücklicherweise kenne ich  ein Lied, das diese theoretischen und heute ausnahmsweise mal wieder linguistischen Überlegungen hervorragend untermalt. Ich mag es so gerne, dass ich es bisher wie einen kleinen Schatz gehütet und nur besonderen Menschen gezeigt habe.


Moriaty - Jimmy
The Buffaloes used to say be what you are
The Buffaloes used to say roam where you roam
The Buffaloes used to say do what you do

So heißt es im Refrain. Und auch wenn mir dabei das schreibende Herz ein wenig blutet, denke ich fast, dass sich die großen Weisheiten, die man über das Leben sagen kann, meistens ziemlich gut in sehr einfachen Tautologien, geradezu Büffeltautologien, ausdrücken lassen. So wie man überhaupt alles große, komplizierte, schwere in einfache Worte fassen können sollte. "Es ist, was es ist." ist eine schöne Tautologie und immerhin, sie entstammt einem anderen schreibenden Herzen. Also keine bedauernden Worte mehr, sondern ein Lob auf die Schlichtheit der Tautologie! Trost kommt mit der Post.