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Montag, 18. Oktober 2010

Reinfall, sehenden Auges

Punk is not dead!
Bionade-Biedermeier nannte die Zeit einst die spießige Kinder-Krieger-Brigade aus dem Prenzlauer Berg. Aber wie kommt das eigentlich, dass die, die in ihren 20ern so hipp gewesen sind, Tocotronic gehört und auch sonst den Anti-Mainstream, die absolute Selbstverwirklichungsfreiheit und die flächendeckende Unangepasstheit gefeiert haben, plötzlich verholzen und sich in die engen Lebensmodelle ihrer Eltern und Großeltern quetschen? 

Dann bleiben Frauen, die jahrelang studiert haben, jahrelang mit ihren Säuglingen zu Hause - unter dem fadenscheinigen Schutz des Satzes: "Ich will doch mein Kind aufwachsen sehen". Statt sich ihres geschärften Verstandes zu bedienen, wie Kant es ihnen im beliebtesten aller Magisternebenfächer beigebracht hat, brabbeln sie nur noch baby talk. Im besten Fall fühlen sie wenigstens, dass da irgendetwas nicht stimmt, spüren die eigene Unterfordertheit und machen sie als Ursache für ihr allmähliches Unglücklichwerden aus. In den meisten Fällen stumpfen sie aber gegen das eigene Unwohlsein ab und nennen die übriggebliebene Fadheit einfach Glück. Problem gelöst. Ein attraktiver, interessanter und eigenständiger Mensch bleibt man dadurch  nicht...

Wer das Kind nicht aufwachsen sieht, ist der Vater, weil er sich in einem halbherzig ergriffenen Beruf von morgens bis abends abrackert, um die junge Familie zu ernähren. Die klassische Rollenverteilung. Ziemlich unfair für beide Seiten! Aus dem hip von einst ist Hipp von Claus geworden. Individualität ist nur noch zur Schau getragenes Öko-Klamotten-Gehabe, stimmt aber hinten und vorne nicht und wird nicht mehr gefühlt. Alles ist nur noch ein schlechtes Relikt von fadenscheiniger Rebellion. Die Chucks dürfen bleiben, der Schnauzer, der mal für kurze Zeit als Anti-Anti fungiert hat, muss ab.
Anti Anti

Warum wird aus Kindern so ein großer Buisnessplan gemacht? Statt sie einfach groß werden zu lassen, die Zeit mit ihnen qualitativ und nicht quantitativ auszumessen, werden sie rund um die Uhr kritisch beäugt, diskutiert, observiert. Bionade-Stasi. Die Aufmerksamkeit wird zum Ersatz für das eigene Leben zwischen 20 und 30, das man aufgeben zu müssen meinte, um den durchorganisierten Lebensplan umsetzen zu können. Dabei würde einem bei genauerem Hinsehen klar, dass dieses Modell gar nicht mehr in unsere Zeit passt, es passt eigentlich in keine Zeit: "Karriere, dicke Kohle, Riesen-Altbauwohnung oder Haus im Ländlichen, mit 40 Kinder als Sahnehäubchen." Ich habe eine repräsentative Umfrage unter 3-Jährigen durchgeführt und herausgefunden: Kinder kratzt es nicht, ob sie etwas besitzen oder nicht. Sie legen wert auf Zeit und Liebe... Die geschiedene Elterngeneration, die sich meist erst in der zweiten, langen Beziehung ihres Lebens genügend Abstand und Freiraum für eigene Idee gönnt, zeigt doch, dass es sowieso auf Patchwork hinausläuft, wenn man sich zu sehr zurechtzubiegen versucht.

Das ist alles sehr polemisch? Gern geschehen! Immerhin haben wir inzwischen unendlich viel Zeit, um herauszufinden, welches Leben wir leben wollen. Während unsere Großmütter mit 17 schwanger und mit 18 verheiratet waren, weil über "diese Dinge" nicht gesprochen und nachgedacht wurde, haben wir – diese wohl behütete Generation – beschlossen, unsere Jugend um 10 Jahre zu verlängern, uns unserer Freiheit, dem Ausprobieren von Gefühlen, dem Reisen, der bedingungslosen Selbstfindung hinzugeben. Aber anstatt die Zeit zwischen 20 und 30 zu nutzen, um die Muster, die Modelle, die Ansichten, die wir im Schädel herumtragen und die da irgendwie, ohne dass wir genau wissen wie, hineingeraten sind, in Frage zu stellen, zu verwerfen, zu modifizieren, an unsere Erfahrungen anzupassen, vertrödeln wir unsere Zeit, hüten uns vor dem Erwachsenwerden, feiern eine einzige ausgiebige Party und fallen dann in all das Hinterfragte rein.
Reinfall, sehenden Auges.

Die zahllosen Veranstaltungen zu Gender-Themen sind gut besucht und werden anschließend bei einem trockenen Rotwein diskutiert. Aber für das eigene Leben ziehen wir keine Konsequenzen daraus. Der wirre Kopf ist voller wirrer Ideen für Projekte, die uns vielleicht über Jahre befriedigen und glücklich machen könnten, aber zum Schluss ist es doch der Traum von komfortablem Konsum, der den Idealismus verdrängt und uns einen langweiligen Job machen lässt. Das Eingehen von Verpflichtungen, das Kinderkriegen, das Eigentumanhäufen bedeutet für viele eine freiwillige Einschränkung ihrer Freiheit, die sie nur scheinbar satt und zufrieden macht. Die Seele will liebkost, der Geist herausgefordert, das Denken überschritten werden. Yoga und Dr. Kawashima sind nicht die Antwort auf alle Fragen. Ist nicht beides lebbar? Freiraum und Verantwortung? Einen Platz im Leben finden und weiterhin Grenzen überschreiten? Ich fänd's komisch, wenn's nicht so wäre, denn logisch schließt sich das keineswegs aus.

Warum versprechen wir uns Dinge, die wir dann nicht halten können? Ewige Treue, Hingabe, Liebe... Ein ganzes Leben lang, sozusagen eine Flatrate. Wieso backen wir nicht kleinere Brötchen und versprechen uns nur das, was möglich ist? Ein Freund von mir hat mit seiner Freundin folgenden schönen Weg gefunden: Sie führen eine Fernbeziehung und verlängern bei jeder Verabschiedung ihre Beziehung um einen weiteren Monat. Sie versprechen sich nicht mehr als sie können und dennoch so viel wie nötig ist.

Eigentlich müsste man froh sein über diejenigen, die sich weigern, halbherzige Beziehungen zu führen. Sie sind über die 30, aber nicht über die Spätpubertät hinausgekommen vor lauter Bauchnabelbeguckung. Der hinübergerettete Hedonismus wirkt ohne den jugendlichen Idealismus leider ziemlich flach und kindisch. Beziehungsunfähigkeit und Misanthropie werden als Gründe für die Verweigerung von commitments angegeben. Selten liegen diese Dinge wirklich vor oder sind pathologisch. Unverbindlichkeit als Lebensprinzip. Eigentlich müsste man froh sein über diejenigen. Schließlich tun sie nichts, als ab und an einem Menschen mit Bindungsabsichten das Herz zu brechen. Aber darüber kommt man hinweg. Immerhin bleiben sie bei sich! Angst, Leere und inneres Schweigen sind der Preis für den höchsten Grad von Unabhängigkeit. So radikal möchte ich es nicht angehen lassen.
gesehen in der Lonely-Wolf-Sackgasse

Ich plädiere mit Aristoteles für eine Mitte zwischen den Extremen. Kein symbiotischer Pärchen-Quatsch, keine Lonely-Wolf-Nummer. Ziehen wir doch verschiedene Lebensmodelle in Betracht! Und wenn das heißt, dass man irgendwann aus steuerlichen Gründen die beste Freundin heiratet, mit der man zusammenlebt, weil das besser klappt als mit einem Mann, warum eigentlich nicht? Und wenn das heißt, dass man zwei verschiedene Wohnungen hat, weil man Zeit und Raum für sich braucht, warum nicht auch das? Und wenn das heißt, dass man auch mal allein in den Urlaub fährt, warum nicht? Und wenn das bedeutet, dass mal voneinander weg und mal zueinander hin findet, so what? Wie gesagt, es kann das eigene Profil nur schärfen, wenn man auch als Mutter/Vater bzw. Ehefrau/Ehemann bzw. Freundin/Freund ein eigenes Leben führt, seine Interessen und Ideen entwickelt, sich Ziele setzt und sie verfolgt. Keiner wird einen Zombie lieben!

Und Liebe ist kein eindimensionales Gefühl. Wer immer nur romantische Komödien guckt, bekommt diesen Eindruck. Das Leben verläuft nicht in geraden Bahnen sondern besteht aus Weggabelungen, Abkürzungen und Umwegen. Gefühle finden in einem Kontinuum statt, können schwanken, stärker und schwächer werden. Um die Ecke denken lohnt sich. In sich hineinhören ist dringend geraten.

Habe ich einen zu nüchternen Blick auf die Kinderfrage? Eine zu pragmatische Herangehensweise an die Liebe? Bin ich dem werten Leser zu naseweis und unerfahren? Argwöhnt er sogar, dass ich nur aus Frust so gegen glückliches Familien-Gründen und Pärchen-Spielen polemisiere, weil ich selbst (nun schaut er etwas mitleidig) "allein durchs Leben gehen muss"? Once again: Bitte, gern geschehen! Mit kratzbürstiger Rage mache ich mich gerne unbeliebt, wenn dafür der ein oder andere sein Bionade-Biedermeiertum überdenkt. Vielleicht wollen Kinder nüchterne, liebevolle Konsequenz! Vielleicht braucht es Pragmatik, um eine lange, schöne Beziehung zu bestreiten! Vielleicht denke ich in ein paar Jahren ganz anders über alles! Vielleicht würde ich einen solchen Text nicht schreiben können, wenn ich mich in der geistigen Faulheit einer Beziehung befände. Aber das spricht weder gegen mich noch gegen meinen Text. Der werte Leser weiß, wogegen das spricht.

Ich will dennoch versöhnlich enden. Mit einem Liebesgedicht. Einem der schönsten. Natürlich von Rilke. 
Liebeslied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt,wenn deineTiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied.
Es beschreibt bei genauerem Hinsehen sehr exakt, woher Liebe kommt. Wir lieben den anderen in seiner Eigenständigkeit, seiner Einzigartigkeit, seiner planetengleichen Strahlungskraft. Wir lieben ihn deswegen am Anfang  auch so sehr, dass es manchmal fast schmerzt. Weil er zu diesem Zeitpunkt so allein und eigenständig und schön strahlt. Weil er so sehr Mensch ist. Bewahren wir uns das eigene Strahlen – für uns selbst und für den geliebten Menschen!  Dann kann eigentlich gar nichts mehr schief gehen...


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Ich danke Markus, Pia, Marco, Anne, Sarah, Ruth, Christoph, Steffi und Uli für die anregenden Hinweise und Gespräche, die diesen Blogbeitrag in mir haben gähren und reifen lassen.

Samstag, 2. Oktober 2010

Lauschen auf das Rauschen

Herzdurchblick
Der Counter steht bei nine-one-one. Ich bin auf dem Sprung von den Bergen bis ans Meer und nachdenklich geworden. Woran erkennt man ein echtes Gefühl? Mir kam in den letzten anderthalb Jahren einiges unter, das sich gut oder wenigstens mittelgut angefühlt hat, aber in Zeit und Nähe taugte nichts davon. So habe ich begonnen, mir selbst gegenüber misstrauisch zu werden und vielleicht auch Spielchen zu spielen. Ich habe viel zu oft Platzangst bekommen und mich in die Idee der Freiheit verknallt. Ich habe dabei nur leider übersehen, dass sie so leer und ausgehöhlt, wie ich sie manchmal verstanden habe, gar keinen Wert besitzt. Freiheit bedeutet nicht nur gegen etwas zu sein, ist nicht nur Freiheit von, ist nicht nur reine Anti-Haltung: Anti-Beziehung, Anti-Gebundenheit, Anti-Verbindlichkeit, Anti-Verantwortung, Anti-Einschränkung. Freiheit ist ihrem Wesen gemäß positiv bestimmt, sie ist Freiheit zu. Intellektuell hatte ich das bereits an anderer Stelle erwogen und betastet, aber emotional schien die positive Freiheit nicht bei mir angekommen zu sein. Aber allmählich spüre ich sie. Ich habe endlich alten Balast abgeworfen, ein Kreuzfahrtschiff aus Papier mit einem Mann über Bord. Sie legt sich wie Seewind auf meine Haut. Sie verwandelt das ewige Anti in wahre Unabhängigkeit, aufrichtige Gelassenheit, Glück im Alleinsein und Zufriedenheit mit mir selbst. Das ist wohl das, was Kitti einst meinte, als sie zu mir sagte, man bekomme erst ein Profil, wenn man eine Weile mit sich alleine gewesen sei und nur mit Profil verliebten sich die Menschen in einen als Menschen.

Ick bin ja ooch mit mir hier singt Icke von Icke&Er.

Und das echte Gefühl? Ganz selten habe ich es leise Klicken gehört. Ich will lieber keine Zahl nennen. Wegen des profunden Misstrauens mir selbst gegenüber habe ich immer versucht, es zu ignorieren, bis es dann irgendwann aus mir hervorbrach, meistens in Briefen, manchmal in Blicken. Für's Vergessen sind große Anstrengungen nötig. 

Ein leises Klicken? Die Liebe überfällt uns ab einem bestimmten Alter, mit einer bestimmten Abgeklärtheit und mit einem gewissen Maß an Erfahrung nicht mehr mit der Wucht einer Blaskapelle, wie es bei der großen Jugendliebe der Fall war. Die haben wir übrigens alle mit der großen Liebe an sich verwechselt und außerdem haben wir ihr viel zu lange nachgetrauert. Stattdessen ist es dieses leise Klicken, für das es  eine gewisse Vertrautheit braucht, das dann aber etwas sehr Plötzliches an sich hat, das alles mit einem Mal ganz einfach werden, das uns die Welt mit neuen Augen und mit der Aussicht auf andere Ufer sehen lässt.

Aber treten wir einen Schritt zurück von meiner Mikro-Frosch-Perspektive und lassen wir andere moderne Wortverdichter etwas über die Liebe sagen. Geliebte und verfluchte Metaebene…
Funny van Dannen singt:
Die Liebe ist ein Schmetterling auf der Autobahn,
sie macht die Augen zu und das Fernlicht an.

Dota Kehr singt:
Die Liebe ist ein kleines Tier,
vielleicht läuft es eines Tages fort.
Man fragt im Tierheim:
"Ham Sie noch so eins?"
Und dann ist keins dort.

Manchmal ist die Liebe für sie auch: …drei Worte im Sinn.

Die Ohrbooten singen: 
Denn es gibt so viele Gefühle für Liebe,
wenn ick dit Leben mit dir spiele, spüre ick Familie.
Da sind so viele gemeinsame Ziele
und deine sweete Brise gibt mir diese Perspektive.
Einige wählen aus Feigheit die Freiheit, anderen fehlt zur Freiheit der Mut. Freiheit ist aber nur dann Unabhängigkeit, wenn man in sich und nicht im anderen nach sich selbst sucht. Wenn du mich liebst, bleib bei dir singt Tom Liwa. Wir werden ohnehin nie fertig, wir finden keine große, letzte Antwort, wir sind immer auf der Suche. Wir müssen beginnen, die Fragen selbst liebzuhaben, so wie Rilke es fordert.

Aber kehren wir von der Freiheit zur Ausgangsfrage zurück: 
Woran erkennt man ein echtes Gefühl? 
Eine vage, kleine, flüchtige Antwort darauf ist neulich kurz in mir aufgeflackert. Es ist  ein echtes Gefühl, wenn zwei ehrliche Sätze einem in einem Wust von Worten sofort die Tränen in die Augen schießen lassen – das erste Mal seit langem. Es ist ein echtes Gefühl, wenn sich die Wahl hartnäckig jeder Logik, allen guten Argumenten und allen gemachten Erfahrungen widersetzt. Es ist ein echtes Gefühl, wenn man den einen Menschen nicht trotz sondern gerade wegen der Eigenschaften mag, von denen man weiß, dass man sie eigentlich nicht ausstehen kann. Es ist ein echtes Gefühl, wenn es auch die Verdrängungsanstrengungen überlebt und nicht so schnell vorbei ist, wie man ein Ein-Mann-Zelt abbauen kann. Ich hatte wirklich geglaubt, dass Schweigen heilsam sein kann, wenn man bei sich selbst klar Schiff gemacht hat. Aber die nicht gelebte Liebe lässt sich nicht wegschweigen, nicht vergessen, nicht verdrängen. Sie blitzt hier und da in kleinen Sequenzen wieder auf, reißt ein Loch in den Schleier des Schweigens, reißt ein Loch in die Freiheit und wirft uns ganz und gar aus der Bahn. Die Gedanken an die nicht gelebte Liebe begleiteten uns ein Leben lang. So lang ist meines noch nicht, aber ich bin mir das eine Mal ganz sicher, mit dieser Erkenntnis der Wahrheit sehr, sehr nahe zu sein.

So weit die auf mich eingestürzte Antwort. Ob ich sie bereits leben kann ist eine andere Frage. Platzangst, Neugier und Rastlosigkeit sind mir nach wie vor treue, sind mir mehr und weniger lieber Begleiter. Dennoch noch eine Nachfrage: Man gibt sich so große Mühe, genau in sich hineinzuhorchen und teilt dem Gegenüber das Erlauschte mit großer Ehrlichkeit mit. Bei all der Mühe, die diese Ehrlichkeit zu kosten scheint, vergisst man manchmal, die erspürten, in sich selbst vorgefundenen Positionen zu hinterfragen. Ab einem gewissen Alter will man die Grundpfeiler seiner gewählten Lebensform nicht mehr hinterfragen. Aber ich fürchte um den Moment, wenn das Leben fast vorbei ist. Nur die nicht getanen Dinge, werden wir bereuen. Was hingegen getan wurde, mag es uns Schmerzen oder bittere Erfahrung gekostet haben, uns schöne Augenblicke oder wertvolle Mensch geschenkt haben, ist gelebtes Leben. Denn daraus besteht das Leben. Mit dem Nichts und dem Mangel ist es eine schwierige Kiste. Dieses Nachdenken über Liebe ist nicht der richtige Ort dafür.

Mit Brecht hat es begonnen. Wäre nicht Brecht gewesen, wäre vielleicht nichts geschehen. Brecht hatte mich am Haken. Darum will ich es mit Brecht enden lassen. Vielleicht auch nur für heute. Vorweg muss ich aber sagen, dass es nur ein Pseudo-Brecht ist. Diese Zitat wird ihm fälschlicherweise zugeschrieben, aber das ist egal. Hätte er es gesagt, hätte er es gewiss auch vorrangig politisch und weniger lebensweltlich gemeint. Nu is' er aber tot und een Deutschlehrer is' ooch nich' anwesend, also lesen wa ihn wie wa wolln! sacht die Berliner Jöre in  mir, schließt trotzig mit den Worten…

"Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."

…und für heute die Augen, denn der Appell ist viel mehr an sie selbst gerichtet als an irgendwen da draußen und mit geschlossenen Augen lässt es sich einfach besser in sich hinein lauschen auf das Rauschen, das die Meeresstille des Seele macht, wenn man wahrhaft frei und glücklich ist.





Ein Nachsatz, inspiriert von girlrunningwild. [2010-10-03 15:55]

Lassen wir noch Sartre zu Wort kommen.
„Er [der Liebende] will von einer Freiheit geliebt werden und verlangt, daß diese Freiheit als Freiheit nicht mehr frei sei, […] daß diese Freiheit durch sich selbst gefangengenommen wird, daß sie sich, wie im Wahn, wie im Traum auf sich selbst zurückwendet und  ihre eigene Gefangenschaft will. Und diese Gefangenschaft soll freie und zugleich an unsere Hände gekettete Abdankung sein.“
[Das Sein und das Nichts 435]
Es ist ein echtes Gefühl, wenn man sich freiwillig, ja sogar gerne um die eigene Freiheit berauben lässt. Wenn wir mit Sartre auch wissen, dass der Versuch, Einheit zu erreichen, zum Scheitern verurteilt ist... Das Versuchen, das Anfangen, das Scheitern, das Aufrappeln, das Wollen und Sehnen und Verschenken – daraus, daraus, daraus ist es – süßes, goldenes, raues, frostiges, überladenes, vergeudetes, gebrauchtes, geliebtes, gelebtes Leben.

Sonntag, 26. September 2010

Ich liege unter einem Erzgebirge aus Decken und Kissen: Per Anhalter durchs Netz (Serie, Teil 26)

Manchmal geht Musik so sehr unter die Haut, dass man sie gar nicht mehr hergeben will. Dass man sie hütet wie einen kleinen Schatz. Dass man sie umschwärmt wie eine glückliche Idee. Dass man sich von ihr ganz und gar einhüllen lässt, bis die Außenwelt einem autistischen Meeresboden gleicht und man sich selbst unter einer Taucherglocke wiederfindet. So in etwa ging es mir zuletzt mit Emily Jane White. Die Frau hat mich profund verzaubert, mich zu wochenlanger musikalischer Monogamie gezwungen und mich sogar ihren Vater im Geiste für kurze Zeit vergessen lassen. Sie hier im Blog preiszugeben, ist mir mehr als schwer gefallen. 

Noch schwerer tue ich mich mit dem Künstler, den ich heute anpreisen will. Die Bekanntschaft mit ihm habe ich wahrscheinlich schon Ende März gemacht, richtig bewusst gehört habe ich ihn dann erstmals im April. Ganz in meinem Gemüt entfaltet hat er sich aber erst seit Ende Juli. Es ist ein weiter Weg und wir sind schon spät. Die Rede ist von Tom Liwa. Er ist etwas älter als meine Eltern, 1961 geboren in Duisburg. Am Anfang hat er sich durchgewurstelt, dann dazu durchgerungen zu werden, was er ist: Musiker und Poet. Gott sei Dank, muss ich seufzen, wenn ich daran denke, er hätte nicht den Mut gehabt, sein Talent am Kragen zu packen. Es gibt viele, die es versäumen.

Der Song, den ich hier poste, geht mir erstens sehr nahe und zweitens ist kein Bild von Tom Liwa zu sehen. Ich bitte Euch, zuerst den Song zu hören und Euch beim Hören den Menschen, der zu dieser Stimme gehört, vorzustellen…

Tom Liwa – Elvis ist nicht mehr und nicht weniger als der King

…um Euch dann überraschen zu lassen.

Ich danke diesem Mann für all die Sätze, die sich in meinen Kopf festgesetzt haben. Es ist gut Freunde zu haben, die einen warnen, wenn man sich in sie verliebt. Du musst bereit sein, den Vater zu bitten, dass er dir beisteht. In Duisburg gibt es keine Unschuld... Für die Gedanken, die ich mir selbst manchmal mache. Für die Beschreibung der Welt, fernab von allzu großen Worten. Danke auch Thomas, wieder einmal, für's Zeigen. Wieder einmal muss ich aufpassen, dass ich den Boten nicht mit der Nachricht verwechsle...

Sonntag, 5. September 2010

Ein verschwiegenes Organ oder Bewusstseinsstrom, 5 Uhr früh

Die Hände unterm Kopf gefaltet höre ich meinem eigenen Herzen beim Schlagen zu und warte auf den mich übermannenden Schlaf. Statt zu schlafen sinne ich dem Wort übermannen nach. Allzu genau sollte ich ihm nicht hinterherrennen, dem Wort, das weiß ich, sonst ist an Schlaf noch weniger zu denken. Allzu genau sollte man eigentlich überhaupt nicht immer hinspüren, hindenken, denke ich noch und fühle mich ganz müde. Immer noch lausche ich meinem Herzen und wünsche mir, man könnte ihm tatsächlich zuhören, es befragen und eine Antwort in Worten und nicht nur in Ahnungen erhalten. Obwohl es ein so deutliches Geräusch beim Arbeiten macht, ist es doch ein recht verschwiegenes Organ, denke ich. Von der Milz oder der Bauchspeicheldrüse hört man auch nichts, aber da erwartet man es auch nicht. Was hätte ich meiner Bauchspeicheldrüse schon zu sagen? Außer vielleicht "Geh bitte nicht kaputt. Gib den Geist nicht auf!" Nun hänge ich der Formulierung den Geist aufgeben nach und wundere mich, woher sie kommen mag. Wir verwenden sie doch eher für Dinge, aber Dinge haben keinen Geist. Keiner würde sagen "Meine Oma hat den Geist aufgegeben.", obwohl das viel eher stimmen könnte, als dass ein Toaster den Geist aufgibt. Aber das würden wir einfach nicht sagen. Stattdessen suchen wir höflichere Umschreibungen wie "Oma ist nicht mehr ganz da." Dabei hört sich das viel mehr danach an, als wäre Oma ein Ding. Man kann doch nicht nur halb existieren. Wie sieht so eine halbe Existenz aus? Als wäre Oma, am Maßstab der Menschheit gemessen, kaputt. Was macht es also aus, ein Mensch zu sein? Einen klaren Geist zu haben? Gefühle zu haben? Gefühle hat Oma sicher, denn sie weint oft und erzählt viel von früher. Sind die komischen Hirnforscher also doch parteiisch und eher am Denken interessiert als an dem, was wir früher mal Seele genannt haben und heute abgespeckt nur noch Emotionen nennen? Ich nenne es immer noch Seele. Auch wenn ich schief angeguckt werde dafür. Ich verdichte die Welt, ich darf noch Seele sagen, das ist ein geschützter Begriff! Ich höre dem gleichmäßigen Geräusch meines Stiftes zu, das er auf dem Papier macht. Es klingt ein bisschen wie Meeresrauschen. Gleichmäßig und gekräuselt wie ein ruhiges Meer sieht auch meine Schrift aus. Der Hals tut mir ein bisschen weh und ich weiß nicht mal, bei wem ich mich angesteckt habe. Eigentlich blödsinnig überhaupt danach zu fragen. Was spielt das für eine Rolle? Wollte ich mich darüber beschweren, angesteckt worden zu sein, ich könnte es bei jedem, der hustet, tun. Aber wofür? Um ein schlechtes Gewissen zu provozieren. Davon hat aber auch keiner was. Wie merkwürdig Menschen ticken, dass sie gerne anderen Menschen ein schlechtes Gewissen machen. Was für ein wichtiges Gefühl dieses "schlechte Gewissen" ist und doch ist es in der Aufzählung der Basisemotionen nicht enthalten und nie habe ich im Philosophiestudium jemanden davon reden hören. "Hätteste besser Psycho studiert!" ruft mir eine Stimme aus dem Off zu. Aber ich dachte, Philosophen untersuchten die Struktur der Welt. Gehört nicht ein Gefühl wie das schlechte Gewissen ebenso zur Welt wie das heiß umkämpfte Gefühl der Freiheit? Andererseits hat sicher irgendwann einmal irgendein amerikanischer Philosoph irgendeinen kleinen Aufsatz über das schlechte Gewissen geschrieben. Ich weiß nur nichts davon. Überhaupt weiß ich noch immer zu wenig, fast nichts. Könnte ja meine Magisterarbeit darüber schreiben, über das schlechte Gewissen! Darüber muss ich jetzt lachen. Der übermannende Schlaf ist ziemlich weit weg. Ich hole mir was zu trinken. Das kalte Wasser kühlt die kratzende Kehle. Ich lege mich ins Bett, stütze den Kopf in die Hand und höre wieder mein Herz. Ein verschwiegenes Organ eigentlich, denke ich und merke, dass ich am Ende angekommen bin.

Samstag, 28. August 2010

Nachdenken über Freiheit

back by popular demand: Befindlichkeitsbloggen!

Schwindel ist ein merkwürdiges Gefühl – als würde die eigene Existenz porös. Der Kopf leert sich, die Sinne streiken, die Beine geben nach, alles fühlt sich nach freiem Fall an. Obwohl 'frei' in der Regel nach etwas Positivem klingt, lässt sich am 'frei' im freien Fall nichts dergleichen finden. Es ist das negative Freisein von etwas (hier von der Schwerkraft und vielleicht auch vom Bewusstsein) – wie es auch ein Stein haben kann. Menschlich frei zu tun, was einem beliebt, ist man im Schwindel nicht. Eher noch empfindet man Furcht und wünscht sich einen doppelten Boden, der den freien Fall bremst. Freedom is just another word for 'Nothing left to loose' singt die wundervolle Janis und meint diese zufällige Freiheit. Furcht kann völlig lähmen und der Schwindel macht, trotz des freien Falls, also unfrei. Wie aber ist Freiheit, diese grundgute, urmenschliche, alles überdauernde Idee beschaffen, nach der jeder zu streben vorgibt, die kaum einer erreicht?!


Zwei Überwachungskameras an der Freiheitsstatue
Kurt Tucholsky wusste schon, dass Freiheit mit Sicherheit stirbt. Ein wirklich freier Mensch ist frei von Angst und frei zu handeln oder wenigstens frei im Willen. Zu behaupten, Willensfreiheit gebe es gar nicht, ist gerade der letzte Schrei unter Wissenschaftlern verschiedener Sparten, auch wenn ich die Herren, die sich als sich selbst konstruierende Gehirne betrachten, weder als Wissenschaftler noch als Personen ernst nehmen kann. Schwindelnde Schwindelauslöser, die die Bevölkerung verschrecken! Merkwürdige Konsequenzen für unser Menschen- und Weltbild hätten ihre Ansichten, wenn sie haltbar wären... Aber über Konsequenzen wollen radikale Konstruktivisten meistens nicht nachdenken, sie stoßen nur Drohungen aus.  Zum Glück sind Drohungen für wirklich freie Menschen wirkungslos. Schwindelig wird nur dem, der Angst hat und Angst hat, wer sicher Althergebrachtes eigenem Überlegen vorzieht. Gründliches Nachdenken kann uns trösten: Philosophie – die billigste Wissenschaft der Welt! Wer jetzt einwendet, das sei aber die Mathematik, weil ein Mathematiker nur einen Stift, Papier und einen Papierkorb brauche, hat unrecht. Philosophen brauchen nicht einmal den Papierkorb...

Genug Kalauer für heute. Das Nachdenken über Freiheit und der Kampf gegen die These, Bewusstsein sei nur ein Epiphänomen unseres Gehirns, hat begonnen. Ich weiß noch nicht, was ich unterwegs finden werde: Gott, eine Seele, wahre Freiheit, neue Musik, die Liebe... Aber ich mache mich jetzt auf den Weg.