Mittwoch, 9. Juni 2010

korrekt, korrekt, jefällt ma, jeht ab...

Ich habe einen Mitbewohner, wo huere sympathisch isch. Genau genommen habe ich sogar zwei davon. Aber heute soll es nur um einen von ihnen gehen. Mit Grandmaster Tim teile ich nicht nur das Müesli, die Liebe zum Bier und die unterste Humorschublade sondern auch eine ganz entscheidende Einstellung zu Sprache. Bereits zu Beginn unseres Zusammenwohnens, also ohne uns besonders gut zu kennen, sind wir (in unprotokollierten Küchengesprächen) darauf gestoßen, dass wir es beide völlig in Ordnung finden, einen Gegenstand, einen Sachverhalt oder eine Person als behindert oder schwul zu bezeichnen. Eine (sogenannte!!) "jugendsprachliche" Tendenz, die vielen bekannt sein dürfte und die in studentischen und akademischen Kreisen als ausgesprochen unreflektiert und daher per se illegitim gilt. Das komplette Durchgendern der Welt ist der allerliebste Lieblingssport des StuRas bzw. AStAs (Dabei entstehen manchmal so wunderschöne Stilblüten wie "Liebe Wanderer und Wandererinnen..."), Politiker lieben Euphemismen wie Kollateralschaden, Restrukturierung, bewaffneter Konflikt. political correctness ist nach wie vor ausgesprochen in Mode. Ich frage mich schon seit längerem, was genau mich daran eigentlich so stört. 

Seit mir mit Tim ein intelligenter, sehr reflektierter und huere sympathischer Soziologie-Student gegenübersaß, den das gleiche Unbehagen mit diesem sprachlichen Unkraut à la "geistig herausgefordert" quält und der der political-correctness-Maschine mutig mit Humor und Ironie entgegentritt, versuche ich mich dem Phänomen linguistisch anzunähern. Sehr geholfen hat mir wieder einmal ein Eintrag im Bremer Sprachblog. So bin ich auf die Euphemismus-Tretmühle gestoßen (nebenbei bemerkt: was für ein herrlich anschaulicher Fachbegriff!!) Die Euphemismus-Tretmühle ist eine Theorie von Steven Pinker, die besagt, dass sich an ein Wort, das eigentlich dazu eingeführt wurden, um einen unangenehmen Sachverhalt zu beschönigen, im Laufe der Zeit die Bedeutungen des Wortes anheften kann, das das neue Wort eigentlich ersetzen sollte - jedenfalls solange sich die realen Verhältnisse, die das Wort bechreibt, nicht verbessert haben.

Besonders gut hat mir das Beispiel der "Jugendlichen mit Migrationshintergrund" gefallen, weil es sich dabei um eine relativ junge Bemühung handelt, mit sprachlichen Mitteln  die Verhältnisse zu ändern. Aber stattdessen hat der als neutral intendierte Begriff die Bedeutungskomponente hinzugewonnen, die früher dem Begriff Gastarbeiterkind angehaftet hat: sozial auffällig, unangepasst, störend. Besser integriert sind sie, egal wie man sie nennen will, deswegen noch nicht. Sie kommen kaum vor an den Stellschrauben in unserer Gesellschaft. Sie sind unterrepräsentiert bei Medienmachern, Politikern und in den Bildungseinrichtungen und das trotz der Kuschelbezeichnung...

Entscheidend ist also, dass sich die Verhältnisse nicht einfach ändern, nur weil wir unseren Sprachgebrauch ändern. Behinderte sind nicht weniger ausgegrenzt, weil sie plötzlich "Menschen mit besonderen Bedürfnisse" oder "anders Befähigte" genannt werden (die Liste der alternativen Bezeichnungen ist lang und absurd). Schwarze leben in der deutschen Provinz nicht weniger gefährlich, nur weil wir uns Phantasienamen wie "Farbige" ausdenken. Frauen werden nicht gleichwertig bezahlt, nur weil man an ihre Berufsbezeichnung ein "-in" ranklebt. Die dinosaurierartigen Strukturen an den Universitäten ändern sich nicht, nur weil es nur noch "_innen" bzw. "Innen" gibt. Nach wie vor stehen bei einem typischen Frauenstudiengang wie z.B. der Germanistik in Leipzig (mindestens 80% der Studentenschaft sind weiblich) nur zwei Professorinnen sieben Professoren gegenüber. Nebenbei bemerkt, ich finde wir sollten auch anfangen, von TerroristInnen, MörderInnen und NerdInnen zu reden, wenn wir schon konsequent durchgendern wollen. Bisher treffen Binnen-i und Gender Gap nur Bezeichnungen, die für die Bezeichneten positiv ausfallen.

Das was Tim in seinem Sprachgebrauch praktiziert, ist die gegenläufige Bewegeung: Man könnte es Dysphemismus-Tretmühle nennen. Nerd zählt in diese Kategorie; von einer ursprünglich abwertenden Bezeichnung ist der Begriff zu einer halbwegs stolzen Selbstbezeichnung geworden. Die gleiche Tendenz kann man für schwul, gay, Hure und Nigger annehmen, zumindest solange es eine Selbstbezeichnung ist. Das heißt wohl nichts anderes, als das der Ton die Musik macht. Solange wir Menschen wie Menschen begegnen, ist es eigentlich egal, wie wir uns gegenseitig nennen. Das zumindest wäre meine steile These, für die ich aber glücklicherweise nicht gevierteilt werden werde, weil ohnehin kaum ein Schwein mein Blog liest.

Zwei schöne Beispiele für meine These kann ich aber noch anbringen. Das erste ist ein negatives Beispiel meiner ehemaligen Niederländisch-Lehrerin. Sie war nicht nur linguistisch völlig ungebildet und beratungsresistent, sondern außerdem noch mit latent fremdenfeindlichen Einstellungen ausgestattet. So machte sie sich einmal über Afrikaans als eine "minderwertige" Sprache lustig. Sie begründete ihr Urteil u.a. damit, dass dort der Plural gebildet werde, indem die Wörter verdoppelt würden. Das stimmt erstens nicht und zweitens ist es meines Erachtens mehr als logisch, dass man, wenn einem mehrere Dinge vorliegen auf die Idee kommt, auch das Wort zu doppeln, um dieses Verhältnis auszudrücken. Eigentlich sollte man sich über die indoeuropäischen Sprachen lustig machen, weil die so ein Brumborium wie Stammlautveränderung und zig verschiedene Endungen zur Pluralmarkierung benötigen. Aber zurück zur Sache: Um Weihnachten herum ging es auch viel um Sinterklaas, den niederländischen Weihnachtsmann und dessen Helfer, die meine Niederländischlehrerin unverholen (auch auf deutsch) als Neger bezeichnete. Die Frau lebt seit 20 Jahren in Deutschland und müsste wissen, dass diese Fremdbezeichnung maximal noch bei sehr alten Menschen entschuldigt wird. Meine indisch-stämmige Cousine jedenfalls war von ihrer Redeweise getroffen und ich vermute, dass da wieder der musikmachende Ton ins Spiel kommt. Wenn jemand ohnehin so verschwurbelte Ansichten hat, kann ein negativ besetzter Begriff einiges Unheil anrichten. Tim hingegen merkt man an, dass er ein korrekter Typ ist und ich für meinen Teil würde mich von dem werten Herrn durchaus unbeleidigt als Ost-Schnitte oder Uschi bezeichnen lassen.

Nun kommt mein Positiv-Beispiel. In Thailand haben meine Schwester und ich im letzten Jahr drei unglaublich coole Jungs kennen gelernt, mit denen man prima abhängen konnte. Sie haben sich selbst als "die Tauben" bezeichnet, was meine Schwester und mich im ersten Augenblick befremdet hat, weil wir ja gelernt haben, dass man das Wort "taub" vermeiden sollte, weil es beleidigend verstanden werden kann und lieber "gehörlos" sagen sollte. Ähnlich wie Schwule mit ihrem "Gay Pride" haben die Jungs sich selbstbewusst u.a. als "taub" bezeichnet, was uns komplett die Scheu vor ihrem Anders-als-wir-Sein genommen hat. Ihr lockerer (auch sprachlicher) Umgang mit der eigenen Behinderung hat sich auf uns übertragen und wir hatten eine spitzenmäßige, wenn auch viel zu kurze Zeit miteinander. Dabei ist das folgende Foto entstanden, mittlerweile eines meiner Lieblingsfotos:

Der uns an diesem Abend begleitende Thai hatte sich die dargestellte Gebärde für die in Thailand weit verbreitete Redeweise "Same same, but different" ausgedacht. Zwar nicht korrekt aber ziemlich lustig!

Tim jedenfalls hat beschlossen die Verhältnisse umzukehren, er wird studierter Hausmann und Muckibudenbesucher. Seiner Freundin sind also karrieremäßig keine Grenzen gesteckt. Neue Schwanzträger braucht das Land!

Mit diesen Überlegungen lasse ich meine werte Leserschaft_Innen allein. Nerdige Grüße!

p.s.: Weiterführend empfehle ich das Buch "Sprachwandel. Von der unsichtbaren Hand in der Sprache" von Rudi Keller. Außerdem sollte man sich "Deafhood" von Paddy Ladd zu Gemüte führen, wenn man einen Einblick in die "Welt der Tauben" bekommen möchte.

Sonntag, 6. Juni 2010

Nachdenken über Liebe: Per Anhalter durchs Netz (Serie, Teil 14)

Ich habe ein hübsches Sprichwort gelesen, das entweder von Augustinus oder aus Neuseeland stammt:
"Wer im Leben nicht reist, liest im Buch seines Lebens nur eine Seite.
Irgendwie poetischer als das schnöde "Reisen bildet." Am Wochenende bereiste ich Jena, dieses idyllische Universitätsstädtchen - an der Saale und zwischen Muschelkalkhängen gelegen... Nachdem ich vom Verabschiedungskomitee standesgemäß verabschiedet worden war, reiste ich mit einem Lächeln und feiner, neuer Musik im Ohr wieder ab. Womit wieder einmal empirisch erfühlt wäre, dass reisen sich lohnt. An dieser Stelle danke ich Frank für den dieswöchentlichen Musiktipp. Wir Berliner müssen zusammenhalten, vor allem im Ausland! Ich präsentiere:

Band of Horses – No one's gonna love you

Ich muss mich entschuldigen. Es ist ein ziemlich schlimmes Liebeslied mit Ohrwurm- und Schmalzfaktor. Aber Sibylle Berg nimmt mich in Schutz; sie schrieb einst in der NZZ:
"Denn die Kenntnis des Trivialen heisst die Menschheit und sich selber verstehen, denn so tief, wahrhaft und intelligent, wie wir gerne wären, sind wir ja alle nicht.
Recht hat die Thüringerin. Liebe ist ein großes Thema, aber nur mit dem Wälzen von Weltliteraturschinken kommt man ihr nicht auf die Spur, das wird einem auch in Deutschlands kultureller Wiege klar. Vielleicht umreißt der Song sogar ziemlich treffend, wonach sich jeder von uns sehnt: Danach dass uns jemand eine so bedingungslose Liebeserklärung macht und sich dabei trotzdem nicht selbst vergisst.

Neulich unterhielt ich mich mit einem jungen Mann während einer Mitfahrgelegenheitfahrt über die Liebe und irgendwann im Gespräch sagte er ganz lapidar: "Ist nicht jeder von uns auf der Suche nach der großen Liebe?" Nur einige werden fündig, bei weitem nicht alle. Aufgeben will die Suche keiner. Es irrt der Mensch, solang er strebt.
"Wird das Streben gefühlt, so ist es »Sehnen«, der einzige bei allen Menschen ehrliche Zustand." 
Ernst Bloch trifft das ganz gut, obwohl er Pfälzer und kein Thüringer war. Nachdenken über Liebe macht auf Dauer müde und heidekraut. Wenn sie plötzlich da ist, ist alles mit einem Mal  ganz einfach und man kann die ewige Metaebene entsorgen, weiß zumindest das Hörensagen. Ein bisschen Pragmatismus würde den Schwärmern und Ramontikern helfen. Bis es soweit ist, kann man ja auf Reisen gehen.

Dienstag, 1. Juni 2010

Lachen über Horst war gestern...

Für alle, die einen originellen Vornamen für ihr Töchterchen suchen... Freunde, woran erinnert uns das??

Sonntag, 30. Mai 2010

Surfen gegen das schlechte Wetter: Per Anhalter durchs Netz (Serie, Teil 13)

Draußen sind 11 Grad, es ist beinahe Juni und es soll auch im Laufe der Woche noch nicht wärmer werden. Da hilft leider auch der unerschütterliche Optimismus meiner bezaubernden Mitbewohnerin nicht mehr weiter, schließlich kann es nicht ständig regenfreie WG-Partys im Garten geben. Das einzige, was zu helfen scheint, sind warme Gedanken inspiriert durch Sommermusik. Glücklicherweise hat mir ein Freund einen phantastischen Tipp zugespielt (Спасибо тебе, Томас!). Die unglaublich junge New Yorker "The"-Band weiß wie man Surfer-Mucke macht und dabei besser klingt als The Beach Boys. All das hat mich an den phantastischen Unsinns-Film "Brice de Nice" erinnert. (Wer den Film nicht kennt: Brice ist eine Art französischer Ali G.)
The Drums - Let's go surfing

Ich wünsche viel Erfolg im Kampf gegen die dunkle Seite des Sommers.

Montag, 24. Mai 2010

May your song always be sung! Per Anhalter durchs Netz (Serie, Teil 12)

Wie langweilig wäre es, dem heute vor 69 Jahren geborenen Robert Allen Zimmermann mit seinem eigenen Song zu gratulieren, deswegen erlaube ich mir  gratulierenderweise nur dieses eine kleine Zitat. Ich habe mich auf die Suche nach anderen Zitaten gemacht. Fündig wurde ich in der allwissenden Wikipedia (Gibt es parallel zum "The Church of Google"-Projekt eigentlich schon ein "The Church of Wikipedia"-Projekt??):
"Ich hab halt das Glück gehabt, dass ich mit nur drei Akkorden zwanzig Lieder spielen kann - und das können eben nur drei auf der Welt - Bob Marley, Bob Dylan und ich. Ich begreif die Gitarre wirklich nur als ein Hilfsmittel, damit ich keine Gedichte aufsagen muss." - Hans Söllner, taz, 24. Oktober 1992
So ist es bestellt um Herrn Dylan, er ist vordergründig ein Poet, auch wenn er das Wort nicht mag und wer seine Musik langweilig findet, hat sich noch zu wenig in seine Texte eingehört. Nicht umsonst wird der Mann seit 1996 jedes Jahr für den Literaturnobelpreis nominiert. Gordan Ball, der amerikanischer Literaturprofessor, der diese Nominierungen zu verantworten hat, sagt dazu: "Poetry and music are linked and Dylan has helped strengthen that relationship, like the troubadours of old." Schöner hätte ich das auch nicht sagen können.

Dylan hat abgefahrene Sätze in meinen Kopf gemeißelt, für die ich ihn für den Rest meines Lebens in ausgesprochen monogamer Weise lieben werde. Man sollte sich jeden einzelnen davon genussvoll auf der Zunge zergehen lassen. Sie sind ein intellektuelles 14-Gänge-Menü.
You never ask questions when God's on your side.# Somebody got lucky, but it was an accident. # The only thing I knew how to do was to keep on keepin' on. # Name me someone that's not a parasite and I'll go out and say a prayer for him. # Even Jesus would never forgive what you do. #Time is a jetplane, it moves too fast. # Oh but what a shame that all we've shared can't last. # Her sin is her lifelessness. # But to live outside the law, you must be honest.
Wie es sich für einen Dichter gehört, hat er auch über die Liebe gesungen und dabei Gefühle so gut auf den Punkt gebracht, dass seine Sätze im Kunderaschen Sinne zu gefährlichen Metaphern werden können, die eine Liebe beginnen lassen oder begleiten oder beenden. Sein Spektrum reicht ozeanweit. Seine Lyrik untermalt zum Beispiel ein Gefühl, das sich nach zu viel enttäuschter Liebe einstellen kann: das Gefühl, dass es völlig beliebig (you just happened to be there, that's all) und zufällig (a simple twist of fate) ist, in wen wir uns verlieben, mit wem wir zusammen sind. Ihn davon singen zu hören, dass Liebe nicht gradlinig, oder chronologisch (tangled up in blue) verläuft und dabei doch ab und an herzzerreißend einfach (I want you so bad) und tiefgründig (lovin' you is the one thing I'll never regret) ist, kann so viel Trost spenden in dunklen Stunden. Mit seinen Worten würde ich mich, wenn mich mal wieder das Fernweh allzu heftig packt, gerne von allen verabschieden (just tell her that I went to Timbukto, tell her I'm searching for gold) und einfach verschwinden. In seinem Spätwerk finde ich den Trotz, der mich selten aber manchmal packt, wenn ich eine alte Liebe vergessen will, aber es nicht kann (I'm love sick, I wish I'd never met you). Die Liste ließe sich lange fortführen. Ich trage Dylan im Herzen, manchmal sogar direkt unter der Haut und eigentlich immer im Sinn. Ich habe schon einigen Menschen einen Dylan-Song "geschenkt" und immer war er mit Bedacht ausgewählt...

Schlussendlich macht Dylan eine never-ending-Tour in meinem Kopf, seit ich ihm einmal Einlass gewährt habe. Seid also gewarnt! Es gibt zur Gefahrenvermeidung einen Cover-Song, der es aber in sich hat. Cover-Songs sind noch einmal ein eigenes Kapitel für sich...

 The White Stripes - One more cup of coffee

Bob darf sich zum Geburtstag was wünschen: "Now I wish I could write you a melody so plain, that could hold you dear lady from going insane, that could ease you and cool you and cease the pain of your useless and pointless knowledge." Ich würde sagen, das hat er geschafft. Alles Liebe, alter Mann!
p.s.: Ein kleines PS habe ich noch zu verkünden, dass Euch, werte Leser, möglicherweise nicht nur nachdenklich sondern auch ein wenig traurig stimmen wird, aber ich denke, an einem Pfingstmontag ist das gestattet. You may not see me tomorrow. Behaltet diesen Satz im Kopf, wenn Ihr Euch voneinander verabschiedet, geht nicht im Bösen auseinander. Habt ihn im Sinn, wenn Ihr morgens die Augen öffnet. Tragt ihn im Herzen, so weit Ihr ihn ertragt. Das Wissen darum, dass es morgen vorbei sein kann, löst einen Schwindel in uns aus. Wir müssen ihn aushalten, dann bereichert er unser Leben. Schenkt uns statt banal verstrichener Jahre intensive gelebte Sekunden. Wir müssen dabei aber acht geben, dass er uns nicht hinfallen macht - der Schwindel des Seins.

Sonntag, 16. Mai 2010

do what you do: Per Anhalter durchs Netz (Serie, Teil 11)

Ein Phänomen sprachlicher Natur, das mich schon seit längerem beschäftigt, ist die Tautologie. Genau genommen interessiert mich dabei nicht die schnöde aussagenlogische Tautologie, die ihrerseits schnöde aussagenlogische Wahrheiten verkündet ("Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist." oder, diese Wendung illustriert das noch viel besser: "Was liegt, liegt."), sondern die rausgerutschte Tautologie, die uns immer wieder in unserem alltäglichen Sprechen passiert ("Der Südplatzspäti, der Späti am Südplatz."). Warum äußern wir etwas derart Überflüssiges, wo doch nach dem Kooperations- und Konversationsprinzip von Grice  Redundanz eine Sünde ist? "Pah, komm uns doch nicht mit diesem Old-School-Linguisten und seiner starrsinnigen Prinzipienreiterei!!" werden meine postdekonstruktivistischen linguistischen Widersacher jetzt maulen... "Ihr habt Euch zu wenig mit dem mentalistisch denkenden Grice beschäftigt." werde ich zurückmaulen. Beide Seiten verschränken die Arme, ziehen eine beleidigte Schippe, müssen nach einem kurzen Western-Anstarr-Duell aber grinsen und fallen sich dann lachend in die Arme. 

Zurück zu den Tautologien im Alltag. Wenn wir sie so unwillkürlich äußern, dann haben sie wohl auch einen Mehrwert an Information, oder? Natürlich haben sie den, klärt uns das sprachwissenschaftliche Wörterbuch auf - stilistisch, metaphorisch... Manchmal sind sie aber auch tatsächlich redundant ("ich persönlich") oder redundant aus Unkenntnis ("LCD-Display", "Guerillakrieg"). Aus gesprächsanalytischer und auch psycholinguistischer Sicht sind beide Formen interessant, weil sie uns Aufschluss geben könnten über semantische Felder und (damit zusammenhängend) über die logische Strukturen, in denen wir die Welt organisieren (Oder in denen die Welt organisiert ist? Was würde Kant sagen? Was würde Keith Richards tun?). Warum ist es nötig zu sagen, dass man ein "innerliches Gefühl" hat oder ein "Einzelindividuum" ist? Das wäre ein feines Magisterarbeitsthema, die nicht ganz so selbstverständlichen Tautologien des Alltags zu sammeln und ihnen zu entlocken, wie die Welt in Worten denkt... Empirisch aber sicher schwer umzusetzen, das sehe ich ein. Darum mögen sich an dieser Stelle sowohl linguistische Widersacher wie auch Sprachästheten und nicht zuletzt Wohlgesonnene dazu aufgefordert fühlen, mir Belege zuzuspielen!

Heute ist ja nebenbei auch Sonntag - Anhaltertag. Glücklicherweise kenne ich  ein Lied, das diese theoretischen und heute ausnahmsweise mal wieder linguistischen Überlegungen hervorragend untermalt. Ich mag es so gerne, dass ich es bisher wie einen kleinen Schatz gehütet und nur besonderen Menschen gezeigt habe.


Moriaty - Jimmy
The Buffaloes used to say be what you are
The Buffaloes used to say roam where you roam
The Buffaloes used to say do what you do

So heißt es im Refrain. Und auch wenn mir dabei das schreibende Herz ein wenig blutet, denke ich fast, dass sich die großen Weisheiten, die man über das Leben sagen kann, meistens ziemlich gut in sehr einfachen Tautologien, geradezu Büffeltautologien, ausdrücken lassen. So wie man überhaupt alles große, komplizierte, schwere in einfache Worte fassen können sollte. "Es ist, was es ist." ist eine schöne Tautologie und immerhin, sie entstammt einem anderen schreibenden Herzen. Also keine bedauernden Worte mehr, sondern ein Lob auf die Schlichtheit der Tautologie! Trost kommt mit der Post.

Sonntag, 9. Mai 2010

Aus dem Hut gezaubert: Per Anhalter durchs Netz (Serie, Teil 10)

Berlin hat sich am Wochenende mal wieder in gewohnter Widersprüchlichkeit gezeigt. 

Das Gefühl notorischer underdressedness in der Castingallee: ohne Hornbrille, ohne windschiefe Frisur, ohne Lederjacke, ohne Emil-Mütze und ohne dass es mich sonderlich gestört hätte, immerhin gab es Waffeln!

Die Kiezproblematik: Kaum jemand ist aus seinem Kiez rauszulocken, im eigenen Kiez gibt es genug zu tun und zu verpassen, dass es für ein ganzes Leben reichen würde. Berlin - die ewige Möglichkeitenmaschine.

Tanzbarkeit, wie man sie nicht vermutet hätte, mit einer genial verBalkanBeateten Tetris-Melodie...

Zivilisationsekel im Gedränge eines bratwurstluftgeschwängerten Volksfests...

Kulinarisches Glück mit Falafal wie direkt von einer sudanesischen Uroma...

Wir haben ja schon festgestellt, dass Berlin unter anderem auch musikalisch nicht der Nabel der Welt ist. Darum möchte ich heute alle daheimgebliebenen Berliner drauf aufmerksam machen, dass es noch andere Metropolen gibt, mit besserem indischen Essen, windschieferen Frisuren und erhöhter Tanzbarkeit. Zum Beispiel London. Für alte Indie-Hasen, bei denen ich mich gleich vorträglich entschuldigen möchte, ist der Tipp ein alter Hut (sozusagen ein musikalischer Zaubertrick mit der Antiquiertheit des Karnickels). Alle anderen mögen sich an der Musik von der Insel erfreuen:

 
Zero 7 - Pop Art Blue 

Nachtrag: Ich habe gerade doch noch einen kleinen Trost für alle gefunden, die Zero 7 schon viel zu lange und nicht nur von Soundtracks kennen. But an Old Fashioned Hat anyway. Das waren genug Kalauer für heute.


Anais Mitchell - Old Fashioned Hat

Alles Liebe zum Muttertag

Mittwoch, 5. Mai 2010

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Schwarze Stechpalmen: Per Anhalter durchs Netz (Serie, Teil 9)

Eine Woche ohne neue Musik? Das sollte es nicht geben, auch nicht wenn mich Schweizurlaub verhindert. Darum heute kurz und schmerzlos nachgereicht eine "The"-Band:



The Black Hollies - Gloomy Monday Morning

Obwohl heute schon Mittwoch ist, wird Euch der Song hoffentlich gut über einen gloomy morning bringen. Wer mir sagen kann, was sich bei den Jungs  für musikalische Anspielungen ansammeln, kriegt ein Eis ausgegeben...